V. Vergleich der ETVG mit traditionellen Theorien
Auf wenigen Seiten der Einleitung zum Band "Wahrnehmung" der "Enzyklopädie der Psychologie" werden - auch für den Nicht-Fachmann lesbar - von Prinz und Bridgeman (1994, S. 3-9) - die zentralen theoretischen Positionen der Wahrnehmungspsychologie angegeben. (Die im Folgenden angeführten Zitate stammen von diesen Autoren.)
1. Phänomenologie
Die "alten" Gestalt- und Ganzheitspsychologen legten großen Wert auf die Phänomenologie des Wahrnehmungserlebens. Für Koffka bestand "das zentrale Problem der Wahrnehmungsforschung darin, die Beschaffenheit der Wahrnehmungsinhalte zu erklären, die unter verschiedenen Reizbedingungen entstehen"; Metzger definierte "Wahrnehmungslehre als Bestandteil der Bewusstseinslehre". Beide Autoren gehörten der Berliner Schule der Ganzheitspsychologen an, deren nativistischen Erklärungsversuche erfolglos blieben. Sander (Leipziger Schule) ließ die von seinem Schüler Wohlfahrt (1925/1932) entdeckte stufenweise Differenzierung (Aktualgenese) visueller Perzepte bei zunächst geringer und dann kontinuierlich gesteigerter Reizstärke weiter untersuchen, brach aber nach wenigen Jahren die Experimente ab, deren Methoden und Ergebnisse daraufhin in Vergessenheit gerieten. "Aktualgenese" oder "microgenesis" findet man im Index weder des o.a. Enzyklopädie-Bandes noch in wichtigen Lehr- und Handbüchern wie Anderson (1988), Goldstein (2001), Spada (1992) und Zimbardo (1995), um nur einige zu nennen. Und Neurobiologen kennen sie schon gar nicht, woher auch? Für die Entwicklung der ETVG sind die damaligen aktualgenetischen Befunde jedoch von fundamentaler Bedeutung; denn sie weisen auf eine Hierarchie der die Perzepte bedingenden Funktionen hin.
2. Transformations- versus Interaktions-Theorien
"Das gemeinsame Merkmal transformationsorientierter Ansätze (besteht) darin, dass sie die von der Stimulation ausgehenden Informationen als die einzige Informationsquelle in Betracht ziehen, die der Erzeugung von Ausgangsinformation zugrunde liegt." "Im Unterschied dazu beziehen interaktionsorientierte Ansätze zwei derartige Informationsquellen in die Betrachtung ein": die Reizinformationen und die im Gedächtnis gespeicherten Informationen. Daraus ergibt sich "eines der theoretischen Kernprobleme,....zu verstehen, wie reizabhängige Information mit gespeicherter Information in Wechselwirkung tritt", d.h. "Wie findet gegebene Stimulation Zugang zu korrespondierenden Gedächtnisstrukturen (Identifikation, perzeptives Wiedererkennen usw,)" und "wie wirkt die Beschaffenheit von Gedächtnisstrukturen "auf die Analyse von Reizinformation zurück (selektive Aufmerksamkeit und selektive Vorbereitung von Informationsverarbeitung)". "Für den mainstream der gegenwärtigen Wahrnehmungsforschung charakteristisch" ist die Bevorzugung des transformationsorientierten Ansatzes mit entsprechender Analyse der Verarbeitungsmechanismen.
Die ETVG gehört nicht nur einer dieser beiden Klassen von Theorien an, sie umfassr beide. Im Hinblick auf die Aktualgenese der Wahrnehmung ist sie eine Interaktionstheorie; denn die reizabhängige Information tritt mit gespeicherter Information in Verbindung, indem sie sie aktiviert / aktualisiert. Die Reizinformation kommt in Form hierarchisch gestufter neuronaler Erregungen an, die wiederum solche Neurone erregen, in denen zuvor Gedächtnisinhalte ("Gestaltfunktionen" genannt) gespeichert worden sind. Die Wirkung geht in der Aktualgenese eindeutig in einer Anzahl von Stufen "von unten nach oben" ("bottom-up") vonstatten. Von einer "Wechselwirkung" zwischen Reiz- und Gedächtnisinformation, die eine Wirkung zurück auf die Reize einschließt, kann jedoch keine Rede sein. Mit "gestufter Erregung" ist gemeint,
1. dass die Reizinformationen nicht unmittelbar auf die Gedächtnisinhalte wirken (mit Ausnahme des 1. Gedächtnisinhalts "P"), sondern nur mittelbar über eine oder mehrere Stufen anderer Gedächtnisinhalte (Gestaltfunktionen). In der ETVG erhalten diese mittelbaren Reize einen anderen Namen: "Gestaltreize", im Unterschied zu den ausschließlich auf die Retina treffenden "Sinnesreizen";
2. dass diese Gestaltreize nicht von irgendwoher kommende Gedächtnisinhalte aktualisieren, sondern solche Gedächtnisinhalte, die genau derselben Provenienz sind wie diejenigen, deren Outputs sie sind, d.h. Gedächtnisinhalte, die selber auf Grund der hierarchischen Einprägung der im Retinabild gegebenen Beziehungen und Beziehungs-Beziehungen entstanden sind.
Die ETVG ist auf der anderen Seite und in Bezug auf die Ontogenese der Wahrnehmung in gewissem Sinne auch eine Transformationstheorie; denn die "Verarbeitung" der Sinnesreize erfolgt nach einem bestimmten "Mechanismus" für den als einzige Informationsquelle die von der Stimulation ausgehenden Informationen dienen. Allerdings sind die durch dieses Verfahren erreichten "Ausgangsinformationen" nicht die des Perzepts (Wahrnehmungserlebens) - wie die traditionellen Transformationstheorien es gern hätten, sondern es werden auf diese Weise, wie gezeigt, erst einmal Gedächtnisinhalte produziert, in denen das Außenwelt- Beziehungsgeflecht gespeichert ist. Erst die Aktualisierung dieser "software" durch nachfolgende Reizinformationen im Sinne der Interaktionstheorie (siehe oben) bringt das Perzept auf den "Bildschirm".
Doch nun noch ein Wort zu den traditionellen Interaktionstheorien: Wenn man nachschaut, was diese unter "im Gedächtnis gespeicherte Informationen" verstehen, erkennt man: es handelt sich um solche Informationen, die zuvor als bewusst erlebte Informationen, als Wahrnehmungen, Vorstellungen, Gedanken, präsent waren und dann eingeprägt wurden. Gewiss, solche Gedächtnisinhalte gibt es zuhauf, sie sind dadurch charakterisiert, das sie "erinnert", d.h. ins Erleben zurückgeholt, werden können. Aber eben solche "explizit" erworbenen Gedächtnisinhalte sind in der ETVG nicht gemeint. Sie hat es vielmehr zu tun mit nicht erinnerbaren, vorher nie erlebt gewesenen, nur funktional vorhandenen, Informationen, die in einem "impliziten" Lernprozess eingeprägt worden sind. Solche fundamentalen impliziten Lernprozesse in den ersten Lebenswochen eines Babys sind den früheren wie heutigen Wahrnehmungswissenschaftlern offenbar unbekannt. Aber alle diese Lernprozesse bilden erst die Grundlage für das Wahrnehmungserleben. Und Erleben, Bewusstsein, ist das, was entsteht, wenn ein Gedächtnisinhalt aktualisiert wird, sei es ein explizit oder ein implizit erworbener - so einfach ist das. Jedenfalls ist die ETVG beides, eine Transformationstheorie wie eine Interaktionstheorie, in beiden Fällen jedoch weicht sie von den traditionellen Grundannahmen der Psychologen ab. Wenn man annimmt, dass die ETVG die "richtige" (d.h. die brauchbarste) Theorie ist, kennt man nun einen weiteren Grund dafür, dass die bisherigen Theorien gescheitert sind: ihre Autoren haben (unter anderem) auch von Lernprozessen falsche Vorstellungen.
3. Verarbeitung versus Entdeckung
Die Grundannahme der Verarbeitungsorientierung besteht darin, "dass die im Reiz enthaltene Information nach bestimmten Regeln oder Prinzipien verarbeitet werden muss (durch Transformation und/oder Interaktion)". Hiernach wird die Vorstellung abgelehnt, "dass die Ausgangsseite direkt durch die Eingangsseite determiniert wird". Die entdeckungsorientierten Theorien lehnen die Annahme einer Notwendigkeit der Verarbeitung der Reize ab und sagen, "Wahrnehmung beruht vielmehr auf dem einfachen Entdecken komplexer Information".
Die ETVG sieht keine Möglichkeit zum Entdecken komplexer Information, sondern beschreibt Gesetze, nach denen Wahrnehmung stufenweise erfolgt. Evt. kann man das Erkennen von Gesichtern als eine frühe (und wahrscheinlich angeborene) Entdeckungsleistung betrachten, zu der Babys zu einem Zeitpunkt fähig sind, zu dem sie auf keinen Fall schon die Gestaltfaktoren gebildet haben, die die Form-Merkmale eines Gesichtes zu erfassen vermögen
4. Ein-Aus- versus Aus-Ein-Typ
"In Ansätzen vom Ein-Aus-Typ lautet die Grundfrage, welche Ausgangsinformation (Wahrnehmungsinhalt...) unter gegebenen Eingangsbedingungen erzeugt wird." Beim "Aus-Ein-Typ ist die Fragestellung umgekehrt,...welche Variablen auf der Eingangsseite zu einem gegebenen Zustand auf der Ausgangsseite beitragen". Heute herrscht der zweite Typ vor, der nach den Autoren zum Teil verursacht wird durch die Gestaltpsychologie mit ihrer "sorgfältigen Analyse der Wahrnehmungsinhalte". Nur, diese sorgfältige Analyse hat es in Bezug auf fundamentale Wahrnehmungsphänomene wie z.B. die visuelle Figur/Umfeld- Wahrnehmung nie gegeben. Für die "Berliner" war diese angeboren und also nicht weiter analysierbar. Die "Leipziger" sahen den Kreis und die Gerade als die "einfachsten Gestalten" an; "Gestalt" aber definerten sie als "gegliederte Ganzheit". Da aber weder am Kreis noch an der Geraden eine Gliederung wahrnehmbar war, sprachen sie einfach von "fließender" Gliederung (Sander) bzw. "Gliedverschliffenheit" (Volkelt), womit sie ihr Prinzip der strengen phänomenologischen Beschreibung expressis verbis verletzten, denn von einem "Fließen" und einer "Verschliffenheit" war und ist nichts zu sehen. Und so verpassten sie die Chance, eine Hierarchie der Perzeptgenese zu postulieren, bei der eine Gliederung erst nach Entstehen des nicht-gegliederten "Kreises" (der Figur) erfolgt, eine hierarchische Entwicklung, die sich im übrigen - und deutlich sichtbar - auch aus den von Sander unterdrückten aktualgenetischen Experimentalbefunden ergab. So läuft denn die internationale Wahrnehmungswissenschaft seit 80 Jahren in die Irre.
Die ETVG ist aus der Kombination beider Fragerichtungen entstanden; denn beide schließen einander nicht aus. Die mehrstufige hierarchische Anordnung der ersten Gestaltqualitäten (der Form) ab Figur/Umfeld- Perzept konnte ich 1961 aus den damaligen aktualgenetischen Befunden sozusagen "ablesen" (Ein-Aus). Danach habe ich das phänomenologisch aus Infeld, Kontur und Umfeld bestehende Perzept phänomenologisch weiter nach "unten" analysiert, bis ich auf die unterste Qualität P stieß (Aus-Ein). Schließlich konnte ich die funktionalen Bedingungen (einschl. ihrer Plus/Minus-Subfunktionen) aller 25 Phänomendimensionen "von unten nach oben" mit Hilfe des in seiner Geltung erweiterten Ebbinghaus-Gesetzes als 10-stufige Hierarchie von 25 Gedächtnisinhalten ableiten (Ein-Aus).
Schlussbetrachtung
20 auf dem Gebiet der visuellen Wahrnehmung forschenden Wissenschaftlern habe ich Anfang 2001 das ETVG-Buch zugesandt (aufgelistet in KH 2001, S. 0-50 f) - mit der Bitte um ein paar Worte der Beurteilung. Auf diese erste Bitte reagierte keiner von ihnen, auf meine 8 Monate später wiederholte Bitte erhielt ich von einigen ein paar wohlwollende Zeilen. Zur Sache selbst hat sich niemand geäußert. Von einem 21. erhielt ich nach bloßer Lektüre des Vorworts eine Ablehnung der Theorie. Sinngemäße Begründung: sie könne schon deswegen nichts taugen, weil sie von einem stamme, der an Außersinnliche Wahrnehmung glaube.
Was soll man von einer internationalen Wissenschaft halten, deren hoch angesehene Vertreter nunmehr fast 4 Jahre lang nicht gewillt oder nicht in der Lage sind, sich zu einer ausführlichen, sehr differenzierten und mit wesentlichen Fakten übereinstimmenden Theorie zu äußern? War die ihnen vorgelegte Theorie so sehr außerhalb ihres eigenen Vorstellungsvermögens, so sehr außerhalb ihrer eigenen Vorurteile und wissenschaftlichen Grundannahmen und dennoch nicht einfach von der Hand zu weisen, dass es ihnen einfach die Sprache verschlagen hat?
Vor 40 Jahren haben wenigstens die "alten" Gestaltpsychologen Wolfgang Köhler und Wolfgqang Metzger meiner Bitte in Bezug auf mein damaliges unveröffentlichtes Manuskript (KH 1961) entsprochen und auf einigen Seiten Sachkritik geäußert. Die bezog sich - unabhängig voneinander - vor allem allerdings auf das für sie schlimme Reizwort "Konstanzannahme". Hätten sie nur etwas weiter gelesen, würden sie erfahren haben, wie ich diesen Begriff auffasste, und ihre Kritk wäre überflüssig gewesen. Aber sie haben mir wenigstens Denkanstöße gegeben, die ich wiederum von Wohlfahrts Doktorvater Friedrich Sander nicht erhielt; für den war bereits meine Anfangs-Theorie so wertvoll, dass er ihre aktualgenetischen Kernhypothesen entwendete und als seine eigenen, "immer schon so gemeinten", ausgab (KH 1992d). Allerdings versteckte er sie so, dass seine Zeitgenossen sie nicht entdecken konnten, sondern höchstens später ein evt. Biograph. Für die Wissenschaft waren sie verloren.
Wenn ein Leser die eine oder andere meiner Ideen für weiterdenkenswert hält, der könnte (in Kenntnis meiner "akademischen Laufbahn") wohl erstaunt fragen: Wie kann denn ein Mensch auf dem Gebiete der Psychologie solche Gedanken äußern, obwohl er in der schlichten Diplomprüfung für Psychologen glatt durchgefallen ist? Solches Erstaunen ist jedoch völlig fehl am Platze: es muss nicht heißen: "obwohl", sondern "weil"! Weil dieser Mensch aus langen Studien mit ehrlichem Bemühen zu erkennen, was ihn im Innersten zusammenhält, als reiner Thor hervorgegangen war, bar jeglichen Wissens, unangekränkelt von der Psychologen Gedankenblässe, besaß er fast völlige Freiheit des Denkens, gebunden nur an Fakten, die mit Phantasie und Logik zu einem sinnvollen Ganzen zu verknüpfen waren.
Als ihn einmal die Kühnheit seiner eigenen Gedanken erschreckte, fiel ihm zufällig ein Buch in die Hand, nach dessen Lektüre er sich sagte: "Wenn gestandene Männer, harte Naturwissenschaftler, allen Ernstes und ohne rot zu werden von Schwarzen Löchern sprechen, in denen ganze Galaxien verschwinden, um in Weißen Löchern wieder aufzutauchen, dann brauche ich mir doch keine Hemmungen aufzuerlegen, einen seit 2,5 tausend Jahren unbekannten dritten Bereich "zwischen" Materie und Bewusstsein anzunehmen, wenn ich ihn für eine plausible Theorie doch brauche!" Und so hat er weiter drauflosgedacht und so lange rumprobiert, bis nach einigen Jahren alles zusammenpasste. Leider haben sich nun beide - er und die "anderen" (die in der "offiziellen" Wissenschaft Zurückgebliebenen und weiterhin im mainstream Schwimmenden) - so weit auseinander gedacht, dass keiner mehr den anderen versteht. Er versteht nicht, wovon die eigentlich reden, und die verstehen nicht, wovon er eigentlich redet. Brücken scheint es zwischen diesen Paralleluniversen nicht zu geben. So muss sich heute jeder Wahrnehmungswissenschaftler - angesichts seiner und seiner Kollegen profunden Unkenntnis fundamentaler Wahrnehmungs-Tatsachen - fragen: "Will ich weiterhin einer der fakten-ignorierenden Theorien der Vergangenheit anhängen, oder will ich mich der fakten-akzeptierenden Theorie der Zukunft zuwenden?"
Man vergegenwärtige sich einmal die "geistige Situation" der internationalen Wahrnehmungswissenschaft: Nicht nur sind ihr die fundamentalen visuellen Phänomene unbekannt (Teil 1) - sie will auch nicht die 25 Faktoren (Teil 2) kennen lernen, um wenigstens die ihr bekannten Phänomene erklären zu können, geschweige denn den hierarchischen Aufbau dieser Faktoren oder gar ihr Zustandekommen.
Unter diesen Umständen sehe ich es als witzlos an, mich weiter an der Erforschung der visuellen Wahrnehmung zu beteiligen, und wende mich der Philosophie zu
Aus: Lothar Kleine-Horst (2004):
Der Anfang des nach-naturwissenschaftlichen Zeitalters.
Gedanken und Experimente
jenseits der Lehrmeinungen. Köln: Enane (Teil 2, Kapitel V)