IV. Theorie der Aktualgenese und Aktuallyse visueller Perzepte
1. Was "ist" eine Aktualgenese?
Es wurde der ontogenetische Aufbau eines Teil des visuellen Gestaltwahrnehmungssystems aus einer 10-stufigen funktionalen Hierarchie von Gedächtnisinhalten (Gestaltfaktoren) beschrieben. Erst wenn die Hierarchie dieser Gedächtnisinhalte "aktualisiert" wird und die Gestaltfaktoren ihre spezifischen visuellen Gestaltqualitäten erzeugen, kann der Mensch ein Objekt wahrnehmen im Sinne von "subjektiv erleben". Die Aktualisierung der (vorbewussten) Faktoren selbst geschieht jenseits des Bewusstseins, nämlich in der funktionalen Seinsweise, in der Welt PF, in der sich die Gestaltfaktoren befinden, und erst das fertige Produkt wird in der Welt PC erlebbar. Die hierarchisch angeordneten Faktoren werden stufenweise aktualisiert, doch alles geht so schnell, dass unter normalen Wahrnehmungsbedingungen die einzelnen Stadien im Ablauf selbst gar nicht erlebt werden können. Sie können jedoch beobachtet werden, wenn der Aktualisierungsprozess durch experimentelle "Tricks" gleichsam auseinandergezogen wird. An einem Beispiel aus der kurzen Geschichte der aktualgetischen Forschung soll ein solcher Ablauf vorgestellt werden, um darzulegen, dass er den Vorhersagen aus der Empiristischen Theorie entspricht. Der Grund dafür, dass die Gestaltfaktoren nicht gleichzeitig, sondern nacheinander aktualisiert werden, und zwar in der Reihenfolge ihrer Anordnung "von unten nach oben", liegt darin, dass die von der Retina kommenden Informationen eine gewisse Zeit benötigen, um von Stufe zu Stufe zu gelangen. Außerdem erfordert jeder nächsthöhere Faktor unter sonst gleichen Umständen eine etwas größere Reizstärke, um aktualisiert werden zu können. Jedem Faktor kommt also eine bestimmte "Aktualisierungschwelle" zu, diese Schwelle ist also von Stufe zu Stufe jeweils größer. "Unter sonst gleichen Umständen" heißt, dass die Aktualisierungsschwelle eines Gestaltfaktors keineswegs einen bestimmten absoluten Wert besitzt, sondern einen, der sich "je nach Umständen" ändern kann. Der wichtigste Umstand ist die Stärke der Aufmerksamkeit, die dem Objekt bzw. den Objektteilen zugewandt wird. Je größer die Aufmerksamkeitszuwendung ist, um so geringer kann die Stärke des Reizes sein, um eine Aktualisierung zu erreichen.
Die Aktualgenese der visuellen Sinnesperzepte war eine der theoretisch bedeutsamsten Entdeckungen der Ganzheitspsychologie. Nicht die "Gestaltpsychologen" der Berliner Schule, sondern die "Genetischen Ganzheitspsychologen" der Leipziger Schule waren es, die entsprechende Versuche durchführten. Mit dem Ausdruck "Aktualgenese" wurde die aktuelle Entwicklung (z.B. eines Bewusstseinsinhalts) verstanden im Unterschied zur stammesgeschichtlichen Entwicklung (Phylogenese) und zur individuellen Entwicklung (Ontogenese). Es war der Sanderschüler E. Wohlfahrt (1932), der 1925 in seiner Dissertation seine Entdeckung beschrieb, dass das visuelle Sinnesperzept sich stufenartig herausbildet, angefangen von ganzheitlich-diffusen Anfangsgestalten über eine Reihe immer differenzierter werdender "Vorgestalten" bis hin zur volldifferenzierten "Endgestalt". Normalerweise - d.h. unter den günstigen Sehbedingungen der Alltagswahrnehmung - stellt sich diese "Endgestalt" beim Augenaufschlag blitzartig ein, und wir merken nichts von einer stufenartigen Entwicklung und von irgendwelchen Zwischenstufen; alles läuft vorbewusst ab.
Wie man den hierarchischen Aufbau der Gestaltfaktoren aus der Ontogenese der visuellen Wahrnehmungsleistung und den Ergebnissen der Neurophysiologie erkennen kann, so auch aus der stufenweisen aktuellen Entwicklung eines Perzepts auf Grund der Änderung einer konkreten Reizsituation. Durch die vollständige oder teilweise Aktualisierung einer Hierarchie von Gestaltfaktoren ergibt sich eine stufenweise Differenzierung des Perzepts ("Perzeptgenese", "Aktualgenese"). Umgekehrt erfolgt bei Abschwächung des Aktualisierungszustandes der Hierarchie eine stufenweise Entdifferenzierung des Perzepts ("Aktuallyse"). Die Stärke der Aktualisierung entspricht der Stärke der Sinnesreizung und der Stärke der Aufmerksamkeitszuwendung auf die Reizquelle. Am stärksten erfolgt im übrigen die Aktualisierung von Gestaltfaktoren zur Wahrnehmung derjenigen Bereiche des Objekts, die auf die Fovea oder ihre unmittelbare Umgebung projiziert werden, weil diese weitaus mehr mit Aufmerksamkeit bedacht werden als die mehr peripher projizierten, abgesehen davon, dass in der Fovea die Rezeptoren sehr viel dichter stehen und somit dort die Gesamt- Reizmenge größer ist.
Selbst wenn man nicht unter bestimmten Versuchsbedingungen das stufenweise Nacheinander von Perzepten unterschiedlicher Differenziertheit beobachten kann (in der phänomenalen Seinsweise), so läuft dennoch der sie verursachende Vorgang ab (vorbewusst, d.h. in der funktionalen Seinsweise). Das lässt sich aus den Ergebnissen von Laborexperimenten, z. B. Reaktionszeit-Versuchen, nachvollziehen. Denn jede neue Verknüpfung von Neuron-Erregungen zu einer übergeordneten Neuron-Erregung (d.h. einer neuen, höheren, Gestaltfunktion) führt dazu, dass die spätere Aktualisierung der höheren Funktion etwas mehr Zeit benötigt als die der je niedrigeren. Stellt man die Zeiten fest, die zwei einander "ähnlichen", aber zum selben Zeitpunkt auf die Retina projizierten, Muster benötigen, um subjektiv wahrgenommen zu werden, dann stellt sich heraus, dass dasjenige Muster, das nach der Theorie die größere "Reaktionszeit" benötigt, weil an ihrer Wahrnehmung ein höheren Gestaltfaktor beteiligt ist, tatsächlich ein paar Millisekunden später wahrgenommen wird als das andere Muster. Solche Reaktionszeitversuche führen zu sehr präzisen Ergebnissen. Überhaupt gilt: je präzisere Experimentierergebnisse vorliegen, um so treffender können sie durch die ETVG erklärt werden.
Die je niedrigeren Gestaltfaktoren sind "stärker" als die je höheren, weil sie bei Aktualisierung der höheren ja selber mitaktualisiert werden müssen, so dass sich die sie bedingenden Erregungsverknüpfungen gemäß dem "Kontiguitäts-"Lerngesetz "automatisch" stärker eingeprägt haben als diejenigen, die höhere Funktionen bedingen. So entsprechen auch die Reaktionszeiten, die Vorschulkinder benötigen, um vorgegebene einfache Formen korrekt abzuzeichnen, den theoretischen Erwartungen, die sich aus der Faktorenhierarchie herleiten. Das gilt auch für die Zahlfaktoren: die Reaktionszeiten erhöhen sich bereits mit der Anzahl ("Menge" Q) der Linien, aus denen eine Form besteht, und erhöhen sich dann innerhalb dieser Zahlklassen mit der Höhe der hierarchischen Substufe innerhalb der Orientierungs- und Formfaktoren, die wesentlich an der Form beteiligt ist (Beispiele in KH 2001).
Die Aktualgenese beginnt bereits mit der Steigerung der Aktualisierung ein und desselben Gestaltfaktors (durch Steigerung der Reizung und/oder der Aufmerksamkeitszuwendung); schwache Aktualisierung eines Faktors lässt ein Objekt etwas anders wahrnehmen als starke. Belege hierfür sind besonders in Bezug auf die Orientierungs- und Formfaktoren bekannt. So lässt der Faktor "R" die Größe des Winkels detektieren, den zwei aufeinanderstoßende Erstreckungen miteinander bilden. Je geringer der Faktor R aktualisiert wird, um so weniger objektadäquat kann sich seine Winkeldetektionsfähigkeit auswirken, und er lässt einen spitzen Winkel größer und eine stumpfen Winkel kleiner erscheinen als er "ist", d.h. er verzerrt die Wahrnehmung in Richtung auf "Rechtwinkligkeit" (formative Wirkung des Faktors R+). Der Faktor "M" vergleicht die Längen zweier Erstreckungen miteinander und lässt ihr Längenverhältnis wahrnehmen. Je weniger er aktualisiert wird, um so mehr urteilt der Wahrnehmende: "gleichlang", "maßgleich". Die Formfaktoren haben selbst bei ihrer vollen Aktualisierung noch eine gewisse Tendenz zu den für sie spezifischen "Verzerrungen". In der ETVG wird genau abgeleitet, dass sich diese Tendenzen aus den im Gedächtnis gespeicherten Lerninhalten bei gehäuften Augenmuskel- Innervationen ergeben. Mit diesen Tendenzen, die sich auf diese Gedächtnisinhalte in der funktionalen Seinsweise zurückführen lassen, lassen sich viele sogen. "geometrisch-optische Täuschungen" erklären, z.B. die von Poggendorff, Hering, Zöllner und Necker. Die Fakten dieser Tendenzen kannten auch die alten "Gestaltpsychologen", sie konnten sie aber nicht erklären; sie waren sogar grundsätzlich nicht in der Lage dazu, weil sie von falschen Grundnanahmen ausgingen, nämlich nicht nur der, dass Materie und Bewusstsein unmittelbar aneinandergrenzen (s.Teil 3) - diese Grenze nannten sie "psychophysisches Niveau" - ein Wort, das freilich nichts bedeutet, sie gingen darüberhinaus auch von der Annahme aus, das visuelle Gestaltwahrnehmungs-System sei in der biologischen Evolution entstanden und somit durch Gene bedingt (nativistische Annahme). Nach der ETVG und dem quadrialistischen Weltbild (s.Teil 3 und 4) ist es in der psychischen Evolution als Lerneffekt entstanden (empiristische Annahme).
2. Interpretation der aktualgenetischen Reihe von Wohlfahrt
Wohlfahrt also erfand ein Verfahren, mit dem man diese Zwischen-Stadien sichtbar, d.h. bewusst, machen kann. Sein Verfahren wurde im Teil 1, Kap I,1 näher beschrieben. Schon Wohlfahrt erkannte, dass bei der aktualgenetischen Entwicklung der Sinnesperzepte dieselben "Gestalttendenzen" am Werke sind, die in der Gestaltpsychologie bereits in anderem Zusammenhang bekannt waren. So wies er darauf hin, dass die früher entstehenden "Vorgestalten" gegenüber später auftretenden Vorgestalten und besonders gegenüber der "Endgestalt" geschlossener, einfacher, symmetrischer, regelmäßiger gestaltet seien, insgesamt also weniger differenziert als die Endgestalt. Vor allem wies er nach, dass die Glieder und Gestaltmerkmale nach und nach ins Perzept eingeführt werden, bis die Endgestalt mit allen Gliedern und Gestaltmerkmalen erschien. Eine detaillierte theoretische Erklärung für diese aktualgenetischen Entwicklungen konnten weder er noch andere Wahrnehmungspsychologen geben.
Abb. 1-1 zeigt eine solche aktualgenetische Vorgestaltenreihe. Den Vpn wurde das Muster 9 dargeboten. Einige der hier abgebildeten Vorgestalten stammen von einer einzigen Versuchsperson Wohlfahrts, und zwar die Vorgestalten 3, 4 und 5b in Form von Umrisszeichnungen, sowie die Vorgestalten 6b, 7 und 8. Die anderen Figuren sowie die teilweisen oder vollständigen Feldausfüllungen der Figuren 3, 4 und 5b habe ich auf Grund von Wohlfahrts allgemeinen Erfahrungen mit der Entwicklung von Vorgestalten unter den von ihm geschaffenen Wahrnehmungsbedingungen hinzugezeichnet. Es handelt sich also um eine "idealtypisch" erweiterte empirische Figurenreihe, die bei Vorlage ein und desselben Reizmusters (Abb.1-2, Nr. 9) eine von mehreren möglichen Aktualgenesen des Perzepts zeigt. Da Wohlfahrt seiner Vp. eine helle Zielfigur auf dunklem Grund dargeboten hat, die von seiner Vp. schwarz auf weiß gezeichnet wurde, muss man die Helligkeitswerte "umpolen": was hier dunkel gezeichnet ist, war beim Versuch also hell und umgekehrt. Verfolgen wir einmal den Verlauf der Perzeptentwicklung an Hand der Abb.1-1 !
Zunächst sieht die Versuchsperson meistens nur etwas Diffus-Helles, etwa einen "hellen Nebel" (Stadium 1), dieser Flecken umgibt sich dann mit einer festen scharfen Kontur (Grenzlinie), wie in Stadium 2 zu sehen. Diese Figur wird meist als "kreisartig" beschrieben bzw. gezeichnet. (Um eine solche einfache, zweidimensionale und statische "Figur im Umfeld" wahrnehmen zu können, bedarf es nach der ETVG bereits der Aktualisierung der untersten fünf Hierarchiestufen mit sechs antagonistisch- synergistischen Gestaltfaktoren, die für die "Figur/Umfeld- Wahrnehmung zuständig sind, beschrieben in Kapitel 1).
Wenn die Vorlagefigur Nr.9 weiter vergrößert wird, werden höherstufige Wahrnehmungsfaktoren aktualisiert, solche nämlich, die schließlich die besondere Form der Figurkontur und des Infeldes wahrnehmen lassen. Auch diese "Zahl-, Orientierungs- und Formfaktoren" sind in einer Hierarchie angeordnet, so dass zunächst die niedrigerstufigen aktualisiert werden; man kann mit ihrer Hilfe nun den groben Umriss der Figur 9 wahrnehmen, der wie ein regelmäßiges Fünfeck aussieht (Stadium 3). Hier wurde bereits Q5 für 5 Ecken bzw. Konturteile aktualisiert, und "regelmäßig" heißt, dass die Konturen als "gerade" (S) und "gleichlang" (M) gesehen werden. Auch die Winkel, die mit R+ wahrgenommen werden können, sind gleichgroß. In Stadium 4 wird die Größe der Winkel objektadäquater gesehen, d.h. entprechend den Winkeln in 9.
Obwohl die Vorlagefigur Nr.9 eine nur aus Strichen bestehende Figur ist, wurde bisher der Strichcharakter noch nicht wahrgenommen; die gezeigte Strichfigur wurde vielmehr so wahrgenommen, als wäre ihr Infeld ganz mit Helligkeit ausgefüllt. Die ausgefüllten Figuren sind "Figuren 1. Ordnung". Die nächsten Stadien zeigen Figuren 2. Ordnung, d.h. solche, in denen die Faktorenhierarchie ein zweites Mal aktualisiert wird, wodurch die Binnenkonturen und Binnenfelder wahrgenommen werden können. Im 5. Stadium bildet sich an einer Stelle des Infeldes ein "dunkler Kern" ( 5a ) aus (hier also hell gezeichnet), der sich ausweitet und einen Teil der bisher "ausgefüllten" Figur zur Umrissfigur macht (5b). In der nächsten Phase der Perzeptenwicklung bilden sich weitere "dunkle Kerne" (6a ), so dass bald die ganze Figur als Strichfigur erscheint (6b). In dieser Strichfigur gibt es nun nicht nur eine Außenkontur wie bisher auch, sondern es sind auch Binnenkonturen ausgebildet worden. Noch sind die Binnenkonturen auf Grund eines stark wirkenden "Geschlossenheits"- Faktors (Fl+) "geschIossen", während das Reizmuster Nr. 9 doch ein z.T. "offenes" (Fl-) Gebilde ist, in dem weder die Außen- noch die Binnenkonturen überall ein geschlossenes Ganzes bilden. Auch steht die 2. Binnenkontur "senkrecht" auf der zuerst erschienenen (6a+b) - nach der ETVG eine "formative" Wirkung des Faktors "Rechtwinkligkeit" auf der höchsten Hierarchiestufe.
Während der Entwicklung der Binnenkonturen bildet sich die Außenkontur wieder etwas zurück ("Aktuallyse") - in Richtung auf objektinadäquate Regelmäßigkeit. Nachdem die dramatischen Ereignisse des Inerscheinungtretens von Binnenkonturen vorüber sind, können sich beim Größerwerden der Vorlagefigur Nr. 9 die Binnen- ebenso wie die Außenkonturen noch etwas weiterentwickeln, d.h. noch objektadäquater werden, bis sie das Stadium 9 erreicht haben, d.h. bis der Wahrnehmende die Vorlagefigur so sieht, wie jedermann sie sieht, der genügend Zeit hat, sie zu betrachten, und unter der "normalen" Wahrnehmungsbedingung, dass die Figur groß genug ist und ausreichend hell beleuchtet ist, und man nicht durch die Wahrnehmung anderer Dinge "abgelenkt" ist.
A propos "abgelenkt": Beim Auftreten einer Binnenkontur (5a) wird die Aufmerksamkeit auf diese "abgelenkt" und von der Außenkontur "abgezogen", so dass sich die fast veridikale Außenkontur in 4 wieder "verregelmäßigt", indem die dem Vorlageobjekt entsprechenden "schiefen" Winkel in 4 mehr zu rechten Winkeln (R+) in 5a und 5b werden. Beim Auftreten der 2. Binnenkontur (6a) wird sogar der Gestaltfaktor R+ "de-aktualisiert", und die Wahrnehmung der Außenkontur bildet sich zum Stadium 3 zurück. Diese teilweise De-Aktualisierung der Außenkontur finden dann statt, wenn sich im Innern der Figur "was tut". Diese neue Wahrnehmung der Binnenlöcher und -konturen nimmt nämlich die Aufmerksamkeit des Betrachters so gefangen, dass er von der Außenkontur Aufmerksamkeit abziehen muss, und diese weniger differenziert wahrnehmen kann. Und das, obwohl der Sinnesreiz beim Übergang von 4 auf 5a und von 5 b auf 6 erhöht worden ist (d.h. das Muster 9 wurde etwas größer dargeboten). Von 6b auf 7 ändern sich die Binnenkonturen nicht so dramatisch, so dass hier in 7 die Außenkontur wieder objektadäquater werden kann, in 8 öffnet sich die Figur sogar, wenngleich noch nicht ganz; oben bleibt sie noch geschlossen.
3. Interpretation der Aktualgenesen
und Aktuallysen
negativer Nachbilder
In Teil 1 wurde umfangreiches Bildmaterial dargeboten, das jetzt wenigstens zum Teil interpretiert werden soll, um zu zeigen, dass sich aus der ETVG plausible Interpretationen ergeben. Allerdings muss zuweilen auf die Original-Literatur zur ETVG (KH 2001) verwiesen werden, da im vorliegenden Buch nur eine verkürzte Darstellung der ETVG möglich war. Die (in der Beobachtung völlig ungeschulte) Versuchsperson "CH", die die NN der Abb. 1-3 bis 1-7 gezeichnet hat, war in der Lage, sehr schwache und damit sehr gering differenzierte NN wahrzunehmen, hatte aber zuweilen Schwierigkeiten, die unterschiedlichen Grautöne genau zu unterscheiden und zeichnerisch darzustellen.
Das der Sinneswahrnehmung dargebotene Muster (Abb. 1-3a) wird in der Regel als "zwei einander kreuzende parallele Linien" aufgefasst, so dass es in dieser Form auch meist als erstes NN (ebenfallls a) gezeichnet wird. Dem diesem NN folgenden NN in b fehlen die oberen Teile der Linien, was auf eine mehr oder weniger zufällige Verminderung der Aufmerksamkeitszuwendung auf diese Teile zurückgeführt werden kann. Oft folgt einem solchen NN eines, dem die entgegengesetzt liegenden Teile fehlen (Alternieren von oben/unten- bzw. links/rechts-Richtungen). Die einander parallelen "Linien" in a und b sind relativ dünne "Stäbe", d.h. sie sind doppelkonturig. In c haben sich ihre inneren Konturen aufgelöst, so dass zwei dicke Balken einander kreuzen. Von "inneren" Konturen kann man deswegen sprechen, weil die parallelen Linien die Konturen einer "Figur 2. Grades" bilden, so dass das von diesen Konturen eingeschlossene Feld das "Infeld" dieser Figur darstellt. Es sind also die nach "innen" (zum Infeld hin gerichteten) Schwarz-Weiß-Konturen der doppelkonturigen Kontur, die sich "aufgelöst" haben. Warum haben diese und nicht die äußeren Konturen sich aufgelöst? Weil nach den Gestaltgesetzen der ETVG innerhalb des Infeldes eine größere "Tendenz zur Homogenität" (Gml-) besteht als im Umfeld, in dem die gesamte Figur liegt. Außenkonturen sind daher stets "stabiler" als Binnenkonturen. Diese treten daher auch erst bei stärker werdender Reizung auf als jene (s. Wohlfahrt-Reihe). Innerhalb der Figur c also sind die Helligkeitsunterschiede (Dm+) verschwunden, d.h. der Faktor Dm konnte nicht mehr aktualisiert werden, es blieb übrig der Faktor Pml, der nur "Helligkeit" (von gewisser Stärke) erleben lassen kann. Alle Schwarz- und Weißwerte haben sich hier zu einem durchschnittlichen Grau vermischt. (Bei geeigneter Untersuchungstechnik wird man feststellen - eine Voraussage aus der ETVG - dass hier tatsächlich eine Helligkeits-Mittelung erfolgt ist.)
In einem anderen NN-Versuch hat sich aus dem Sinnesmuster (a) das NN d gebildet. In diesem Fall wurde das Muster anders aufgefasst, nämlich als "zwei etwas überlagerte X-Muster". Hier wurden also die beiden einander parallelen Linien nicht als einer einzigen Figur, sondern als zwei verschiedenen Figuren (den "X"en) zugehörig aufgefasst. Sofort wirkt sich ein bestimmtes Gestaltgesetz aus. Nach ihm erscheint der räumliche Abstand zweier Wahrnehmungsgegebenheiten (hier: der parallelen Linien), wenn er über das Umfeld einer Figur gemessen wird, größer als der objektiv gleichgroße Abstand, wenn er über das Infeld derselben Figur gemessen wird. Deswegen ist in d der wahrgenommene Abstand der beiden Parallelen voneinander größer als in a. In Abb. 1-3e wird das Feld zwischen den Parallelen wieder als Infeld aufgefasst, wobei - anders als in c - die Binnenkonturen der Parallelen sich nicht völlig, sondern nur teilweise auflösen. Das heißt: das Infeld vergraut nicht so stark wie in c, und die Innenkonturen sind noch wahrgenommen worden. Ähnliches gilt im Folge-NN f; hier wirkt der Infeld-Charakter der unteren wahrgenommenen Konturen noch mit, obwohl die jenseits des (vormaligen) Infelds gelegene Innenkontur der anderen Linie nicht mit wahrgenommen wird - wahrlich ein interessantes Bild!
Nach Kenntnis der Abb.1-2e ist NN 1-3g nicht so sehr verwunderlich, viel mehr dagegen NN h. Hier lösen sich die langen Linien in eine Abfolge kurzer Linien auf, wobei Lücken zwischen ihnen bleiben. Ist hier "irgendwie" die Gestaltfunktion Ll+ am Werk? Sie detektiert ja relativ kurze Linien, die dann auf der nächst-höheren Stufe zu einer durchgehenden Gesamtkontur einer Figur "zusammengesetzt" werden. Allerdings merkt man bei einer Figurkontur nichts von ihrer Zusammengesetztheit, weil das Erleben stets ein ganzheitliches ist. Eine befriedigende Erklärung für NN h habe ich aber (noch) nicht. (Im übrigen konnte die Vp in g nur "regelmäßige Wellenlinien" sehen, ohne eine Aussage über die Beziehungen zwischen den Wellenberge (bzw. -täler) der einander parallelen Linien machen zu können.)
Weniger problematisch ist das "Union-Jack"-Muster der Abb. 1-4. Eine Aktuallyse erfolgt in den gezeigten Fällen z.T. durch Ausfall von Linien (a-c), während die NN d-h sowohl eine Blockbildung als auch eine Verminderung der Anzahl (Q4-Q3-Q2-Q1) der Blöcke aufweisen. In NN h sind also sämtliche Binnenkonturen verschwunden, und es bleiben nur die vier Außenkonturen, die jedoch über die "Lücken" hinweg führen, die im Muster von den Zwischenräumen der Binnenkonturen gebildet werden. Dies ist eine formative Wirkung des Gestaltfaktors Ll+, der auf diese Weise "subjektive Konturen" bildet (s. ETVG, Part 9). Interessant sind e und f: Hier werden die Quadrate viel mehr als einzelne Figuren wahrgenommen (statt im Viererpack zuvor), deswegen wirkt das zwischen ihnen befindliche schmale Feld mehr als Umfeld und erscheint daher breiter als dem "objektiven" Sinnesreizmuster entspricht.
In der Abb. 1-5 ist besonders das "Schicksal" der "Sanduhr" in der Mitte des Musters interessant. Mal wird sie gar nicht mit wahrgenommen (a,b), mal verschwindet sie, indem sie mit benachbarten Strukturen verschmilzt (e), mal wird sie allein wahrgenommen (c), mehrmals aber erscheint sie als gesonderte Figur in gesondertem Umfeld (d, f, g), wobei sie (als Figur!) kleiner wird und ihre Konturen sich verrunden (=Deaktualisierung der Formfaktoren), ja auch die Außenkonturen des Musters werden abgebaut (f, g). Schließlich wird nur noch ein Teil der "Sanduhr" erlebt (h). Die Deaktualisierung des Q-Faktors lässt sich ebenfalls gut nachvollziehen: Zunächst besteht die Sanduhr aus sechs (geraden) Seiten (c), dann sind es nur noch vier (gebogene) Seiten (d, f, g), schließlich nur noch deren drei (h).
Das Alternieren von Figurteilen lässt sich gut in Abb. 1-6 erkennen. Zunächst sah die Vp das aus den schwarzen Balken bestehende Muster (a), dann genau nur das "Weiße" zwischen den Balken (d), und dies auch noch stark verkleinert und auch "abgerundet", also unter Deaktualisierung der Faktoren S und R+. Oder sie sah zunächst den Rautenrahmen (b), danach den in b nicht wahrgenommenen vertikalen Balken (c), danach (per Aktualgenese) wieder das ganze Muster (a). Nun geschieht etwas, das relativ selten ist: Die Binnenkonturen bleiben erhalten, aber die Außenkonturen der Rautenkontur lösen sich auf und veschwimmen ins große Umfeld hinein (e). Der vertikale Balken bleibt deutlich stehen, ebenso wie die Innenkonturen der Raute.
Oben in Kap. 3 wurde Hubel (1995) zitiert, der zugab, dass die Neurophysiologen immer noch nicht wissen, wie die Wahrnehmung (z.B.) des Buchstabes "A" zustande kommt. Abb. 1-7 zeigt einige NN des Buchstabens "A", die damit einige der Perzepte angeben, zu denen es bei Wahrnehmung dieses Buchstabens kommen kann. Man muss also in einer Theorie der visuellen Wahrnehmung nicht nur erklären können, wie drei Balken in bestimmter Anordnung wahrzunehmen sind, sondern man muss alle die möglichen "Vorgestalten", wie sie z.B. bei NN des "A" auftreten, erklären können. Die ETGV kann es weitgehend, denn ihr stehen für die Erklärung einer statischen, 2-dimensionalen "Figur in ihrem Umfeld" eine 10-stufige Hierarchie von 14, meist auch noch antagonistischen, Gestaltfaktoren zur Verfügung, und zwischen ihnen zudem noch eine große Zahl von Wechselwirkungen (Gestaltgesetzen).
In den Aktuallysen der Abb. 1-18 des "Ring mit Kreuz" (Abb. 1-17) sieht man sehr schön, wie Teile ausfallen, Binnenkonturen verschwinden, entweder sofort von einem NN auf das folgende NN A), z.T. über Zwischenstadien (D, F, G).
Meistens "zerbrechen" Figuren an den Ansatzstellen ihrer Teile (z.B. Linien, Balken). Diese Ansatzstellen sind in der Tat weitestgehend "Sollbruchstellen". Doch die Abb. 1-23 und 1-25 zeigen Fälle, in denen Linien auch zwischen den Ansatzstellen abbrechen; solche Zwischenbrüche sind auch bei den stabilisierten Netzhautbildern der Abb. 1-21 zu erkennen. (Die alten Gestaltpsychologen glaubten, die Brüche würden ausschließlich an den Ansatzstellen erfolgen; mit diesem wollten sie die Richtigkeit ihrer Grundannahme von der Ganzheit auch der Teile, die sie "Glieder" nannten, belegen.). Während die meisten der NN der Abb. 1-23 und 1-25 auf Grund bisheriger Erläuterungen verständlich sind, so müssen einige doch gesondert interpretiert werden. Wenn "Bogigkeit" einer objektiv gebogenen Linie wahrgenommen wird, so handelt es sich um "veridikale" Bogigkeit, die das Ergebnis ausreichend starker Aktualisierung des Faktors "Geradheit" (S) ist. "Geradheit" wurde als Name dieses Faktors gewählt, weil Geradheit die formative Wirkung des Faktos S ist, die dann eintritt, wenn dieser nur so gerade eben aktualisiert wird. Eine solche Wirkung ist in 1-23, A 15 anzunehmen (ASW-Pendant in 1-24 B, 131c), ferner in den Dreiecken in 1-25J der NN und in vielen Dreiecken in 1-26J der ASW-Perzepte; besonders eindringlich natürlich 1-25, K6. Liegt dagegen erlebte Bogigkeit bei objektiver Winkligkeit vor, so heißt dies, dass der Faktor R+ nicht aktualisiert worden ist. So gehen die Linien von Kreuz und Ring in 1-25, K5, bogig ineinander über. Auch im Falle der Bogigkeit in der gleichen Abb., G3, (etliche ASW-Pendants in 1-26G).
4. Interpretation der Aktualgenesen und Aktuallysen von ASW-Perzepten
Auch in der ASW kommen Aktualgenesen und Aktuallysen vor, wie die Abb. 1-8 bis 1-15 sowie Abb. 1-22 zeigen. Allerdings ist die Häufigkeit des Vorkommens abhängig von den Bedingungen, unter denen ASW-Versuche stattfinden. Wie die Abbildungen in Teil 1 zeigen, scheinen unter "besonderen Zuständen" wie Hypnose (Ryzl 1982) ASW- Perzepte sich gern in ihren Entstehungsphasen zu präsentieren, ebenso günstig ist die Verwendung von "Sensitiven" als Versuchspersonen (Tischner 1920, auch Sinclair 1930), während unausgewählte Personen im normalen Wachzustand sehr viel weniger AKtualgenesen und -lysen produzieren (KH 1989; 1994c). Sieht man sich das unter ASW-Bedingungen tatsächlich Wahrgenommene an, vor allem die klassifizierten Vergleichszeichnungen in den Abb. 1-23 bis 1-26, so erkennt man schnell, dass die Formen der ASW-Perzepte den Formen der SW-Perzepte und ihrer Nachbilder gleichartig sind. Die ASW-Perzepte vor allem der wachen Normalpersonen stimmen allerdings um so häufiger mit SW-Perzepten überein, je weniger differenziert diese sind, vorausgesetzt natürlich, dass auch für gering differenzierte Formen nur Treffer in definierten Ähnlichkeitsklassen ausgezählt werden.
So bedarf es jetzt über das bisher Gesagte hinaus keiner weiteren Interpretation von ASW-Perzepten. Hingewiesen sei nur auf einen weiteren Unterschied zwischen SW- und ASW-Perzepten: diese werden weitaus mehr durch Erinnerungen und Phantasietätigkeit verändert als SW-Perzepte. Besonders bei Kindern spielt die Phantasie eine große Rolle, wenn es auch nur um das Aufzeichnen von NN geht, das zeigen die Abb. 1-28 bis 1-33.
Aus: Lothar Kleine-Horst (2004):
Der Anfang des nach-naturwissenschaftlichen Zeitalters.
Gedanken und Experimente
jenseits der Lehrmeinungen. Köln: Enane. (Teil 2, Kapitel IV)
Zu Kapitel V: Vergleich der ETVG mit traditionellen Theorien