Schlussbetrachtung
20 auf dem Gebiet der visuellen Wahrnehmung forschenden Wissenschaftlern habe ich Anfang 2001 das ETVG-Buch zugesandt (aufgelistet in KH 2001, S. 0-50 f) - mit der Bitte um ein paar Worte der Beurteilung. Auf diese erste Bitte reagierte keiner von ihnen, auf meine 8 Monate später wiederholte Bitte erhielt ich von einigen ein paar wohlwollende Zeilen. Zur Sache selbst hat sich niemand geäußert. Von einem 21. erhielt ich nach bloßer Lektüre des Vorworts eine Ablehnung der Theorie. Sinngemäße Begründung: sie könne schon deswegen nichts taugen, weil sie von einem stamme, der an Außersinnliche Wahrnehmung glaube.
Was soll man von einer internationalen Wissenschaft halten, deren hoch angesehene Vertreter nunmehr fast 4 Jahre lang nicht gewillt oder nicht in der Lage sind, sich zu einer ausführlichen, sehr differenzierten und mit wesentlichen Fakten übereinstimmenden Theorie zu äußern? War die ihnen vorgelegte Theorie so sehr außerhalb ihres eigenen Vorstellungsvermögens, so sehr außerhalb ihrer eigenen Vorurteile und wissenschaftlichen Grundannahmen und dennoch nicht einfach von der Hand zu weisen, dass es ihnen einfach die Sprache verschlagen hat?
Vor 40 Jahren haben wenigstens die "alten" Gestaltpsychologen Wolfgang Köhler und Wolfgqang Metzger meiner Bitte in Bezug auf mein damaliges unveröffentlichtes Manuskript (KH 1961) entsprochen und auf einigen Seiten Sachkritik geäußert. Die bezog sich - unabhängig voneinander - vor allem allerdings auf das für sie schlimme Reizwort "Konstanzannahme". Hätten sie nur etwas weiter gelesen, würden sie erfahren haben, wie ich diesen Begriff auffasste, und ihre Kritk wäre überflüssig gewesen. Aber sie haben mir wenigstens Denkanstöße gegeben, die ich wiederum von Wohlfahrts Doktorvater Friedrich Sander nicht erhielt; für den war bereits meine Anfangs-Theorie so wertvoll, dass er ihre aktualgenetischen Kernhypothesen entwendete und als seine eigenen, "immer schon so gemeinten", ausgab (KH 1992d). Allerdings versteckte er sie so, dass seine Zeitgenossen sie nicht entdecken konnten, sondern höchstens später ein evt. Biograph. Für die Wissenschaft waren sie verloren.
Wenn ein Leser die eine oder andere meiner Ideen für weiterdenkenswert hält, der könnte (in Kenntnis meiner "akademischen Laufbahn") wohl erstaunt fragen: Wie kann denn ein Mensch auf dem Gebiete der Psychologie solche Gedanken äußern, obwohl er in der schlichten Diplomprüfung für Psychologen glatt durchgefallen ist? Solches Erstaunen ist jedoch völlig fehl am Platze: es muss nicht heißen: "obwohl", sondern "weil"! Weil dieser Mensch aus langen Studien mit ehrlichem Bemühen zu erkennen, was ihn im Innersten zusammenhält, als reiner Thor hervorgegangen war, bar jeglichen Wissens, unangekränkelt von der Psychologen Gedankenblässe, besaß er fast völlige Freiheit des Denkens, gebunden nur an Fakten, die mit Phantasie und Logik zu einem sinnvollen Ganzen zu verknüpfen waren.
Als ihn einmal die Kühnheit seiner eigenen Gedanken erschreckte, fiel ihm zufällig ein Buch in die Hand, nach dessen Lektüre er sich sagte: "Wenn gestandene Männer, harte Naturwissenschaftler, allen Ernstes und ohne rot zu werden von Schwarzen Löchern sprechen, in denen ganze Galaxien verschwinden, um in Weißen Löchern wieder aufzutauchen, dann brauche ich mir doch keine Hemmungen aufzuerlegen, einen seit 2,5 tausend Jahren unbekannten dritten Bereich "zwischen" Materie und Bewusstsein anzunehmen, wenn ich ihn für eine plausible Theorie doch brauche!" Und so hat er weiter drauflosgedacht und so lange rumprobiert, bis nach einigen Jahren alles zusammenpasste. Leider haben sich nun beide - er und die "anderen" (die in der "offiziellen" Wissenschaft Zurückgebliebenen und weiterhin im mainstream Schwimmenden) - so weit auseinander gedacht, dass keiner mehr den anderen versteht. Er versteht nicht, wovon die eigentlich reden, und die verstehen nicht, wovon er eigentlich redet. Brücken scheint es zwischen diesen Paralleluniversen nicht zu geben. So muss sich heute jeder Wahrnehmungswissenschaftler - angesichts seiner und seiner Kollegen profunden Unkenntnis fundamentaler Wahrnehmungs-Tatsachen - fragen: "Will ich weiterhin einer der fakten-ignorierenden Theorien der Vergangenheit anhängen, oder will ich mich der fakten-akzeptierenden Theorie der Zukunft zuwenden?"
Man vergegenwärtige sich einmal die "geistige Situation" der internationalen Wahrnehmungswissenschaft: Nicht nur sind ihr die fundamentalen visuellen Phänomene unbekannt (Teil 1) - sie will auch nicht die 25 Faktoren (Teil 2) kennen lernen, um wenigstens die ihr bekannten Phänomene erklären zu können, geschweige denn den hierarchischen Aufbau dieser Faktoren oder gar ihr Zustandekommen.
Unter diesen Umständen sehe ich es als witzlos an, mich weiter an der Erforschung der visuellen Wahrnehmung zu beteiligen, und wende mich der Philosophie zu.