Über die trialistische Lösung des "Leib-Seele-Problems" zum Quadrialistischen Acht-Welten-Modell der Wirklichkeit (AWM)

 

I. Die Lösung des "Leib-Seele-Problems"

1. Das Problem selbst

In der traditionellen philosophischen (und psychologischen) Literatur wird das hier zu behandelnde Problem mit unterschiedlichen Namen belegt: "Leib-Seele-", "psychophysisches", "Leib-Seele/Geist-", "Gehirn-Geist-", "Geist-Materie-" ("mind-matter-"), "Materie-Bewusstsein-" Problem u.ä. Aus später ersichtlichen Gründen scheint die letztgenannte Bezeichnung die treffendste zu sein; sie wird daher im Folgenden am meistens verwendet werden, evt. als "M-C-Problem" abgekürzt (C=consciousness"). In der traditionellen M-C-Literatur werden grundsätzlich zwei Faktengruppen (oder gar Substanzen) unterschieden: Materie/ Körper/ Leib/ Gehirn (M) einerseits und Bewusstsein/ Seele/ Psyche/ Geist (C) andererseits. Das eigentliche Problem besteht darin, dass beide Faktengruppen aufeinander Einfluss ausüben, man sich aber fragt: Wie kann etwas Materielles wie der Körper auf etwas Nicht-Materielles wie die Seele und wie kann etwas Bewusstes wie die Seele auf etwas Nicht-Bewusstes wie den Körper wirken? Es gibt eine ganze Anzahl unterschiedlicher Lösungsvorschläge für dieses Problem (z.B. Bühler 1990, Bunge 1984, Carrier und Mittelstraß 1989, Hastedt 1988, Raps 1999, Seifert 1989); keine befriedigt. Keiner der eine Problemlösung vorschlagenden Autoren weiß so recht, um was es sich bei den beiden, jeweils mit Synonymen bezeichneten, Entitäten eigentlich handelt; denn wüssten sie es, würden sie weniger Probleme haben, auch die Beziehungen zwischen ihnen zu erkennen. Ja, mit der Beschreibung der Beziehungen wäre bereits eine implizite Definition der Beziehungsträger gegeben. So geht jeder Autor an die Sache mit eigenen Vor-Urteilen, Vorab-Begriffen und wissenschaftlichen Vor-Kenntnissen heran, die er bestenfalls expressis verbis bekannt gibt, die man andernfalls durch "Exegese" ermitteln muss. So werden die oben in je einer der beiden Gruppen zusammengefassten Wörter selten in differenzierender Bedeutung verwendet; sie sind daher keine Begriffe in wissenschaftlichem Sinne. Diese Bedeutungsverschwommenheit der Wörter stellt ein weiteres Problem dar - ein hausgemachtes, sozusagen, das lediglich dadurch etwas gemildert wird, dass wenigstens zwei Wörter von ihnen in klar-unterschiedlicher Bedeutung verwendet werden: ein beliebiges Wort der Gruppe M und ein beliebiges Wort der Gruppe C; für ein Alltagsgespräch mag dies ja ausreichend sein. In diesem Teil soll für das Sachproblem eine Lösung vorgeschlagen werden, die zugleich auch das Sprachproblem löst, indem für größtmögliche begriffliche Klarheit gesorgt wird. In Kap. II wird eine weitere Präzisierung vorgenommen.

 

2. Die Notwendigkeit einer Metasprache

Der philosophische Leser würde sicher gern einen Beitrag lesen, der sich der ihm gewohnten Nomenklatur bediente und, von gewohnten Ideen ausgehend, sie teils akzeptierend, teils kritisierend oder auch ablehnend, die eigenen Ideen entwickelte. Allein, dieses Verfahren ist hier aus mehreren Grunden nicht möglich, zumindest unzweckmäßig:

1. weil ich kein Fachphilosoph bin und die Fachterminologie nicht beherrsche; ich verstehe sie oft nicht einmal.

2. weil es nicht einfach des einen oder anderen neuen und bisher noch nicht berücksichtigten Gesichtspunkts bedarf, der zu den bereits bekannten hinzuzufügen wäre, oder eines oder zweier neuer Argumente gegen eine "alte" Ansicht, um die neue zu beschreiben. Die hier vorgestellten Ideen unterscheiden sich in einem solchen Maße von den in der Literatur zu findenden und bilden in einem solchen Maße ein Ganzes, dass es einfach nicht möglich ist, sie einzeln vorzustellen, etwa die eine in Übereinstimmung mit, die andere in Abgrenzung von den bisher in der Literatur diskutierten. Einzeln besagen die neuen Ideen wenig; erst in ihrer Gesamtheit und in ihrer Bezogenheit aufeinander entfalten sie ihre Überzeugungskraft.

3. weil der hier vorgestellte neue Ansatz zur Lösung des Materie-Bewusstsein- Problems auf ein dieses spezielle Thema weit übergreifendes neues Modell der Wirklichkeit hinweist, wobei unter "Wirklichkeit" "Alles was ist" zu verstehen ist. Ein solches Modell betrifft nicht nur die Philosophie, sondern auch die Einzelwissenschaften und sollte daher nicht in der traditionellen Sprache einer von ihnen (z.B. in der philosophischen) beschrieben werden, sondern in einer Metasprache (d.h. interdisziplinären Sprache), die zu den spezifischen Sprachen der Philosophie und der Einzelwissenschaften im Verhältnis gegenseitiger Übersetzbarkeit steht. Es wäre also für die Fortentwicklung sowohl der beteiligten Einzelwissenschaften als auch der Philosophie kontraproduktiv, eine für eine bestimmte Disziplin spezifische Sprache zu sprechen, die von den Vertretern der anderen Disziplinen kaum verstanden, ja oft genug im Sinne des eigenen Wörterverständnisses missverstanden wird. Im übrigen ist es leichter und weniger Missverständnisse provozierend, eine "Fremdsprache" in die "Muttersprache" zu übersetzen als umgekehrt. Deswegen soll in diesem Beitrag die in Teil 2 bereits eingeführte Metasprache verwendet und danach weiterentwickelt werden.

3. Die monistischen und dualistischen Lösungsvorschläge

Abb. 3-1  A-D zeigt vier einfache Weltbilder; die meisten traditionellen Ansätze zur Lösung des M-C-Problems entsprechen einem von ihnen. Entweder werden M und C als gleichsam "nebeneinander" befindlich aufgefasst (3-1A), so dass man sich Materie- und Bewusstseinsvorgänge gut als zwei voneinander unabhängige und zueinander parallel verlaufende oder aber als miteinander wechselwirkende Prozessstränge vorstellen kann. In anderen Weltbildern werden M und C "übereinander" befindlich gedacht, wobei C eine Prozessstufe höher steht als M (3-1B). In beiden Gruppen von Weltsichten werden M und C als zwei eigenständige und einander gleichwertige Entitäten aufgefasst, wenn auch in 3-1B nicht als gleichgewichtige; es handelt sich um "dualistische" Weltbilder. Abb. 3-1C und 3-1D zeigen dagegen Schemata monistischer Weltbilder, in denen es nur eine einzige "Substanz" (oder Welt) gibt: Entweder wird Bewusstsein auf Materie reduzierbar gedacht (Fall C); Bewusstsein/Geist gibt es danach sozusagen nicht als etwas Gesondertes, sondern gleichsam nur als eine Materie-Form, d.h. als etwas, das aus Materie erklärbar ist (materialistischer Monismus). Oder man anerkennt als einzige Substanz (oder Welt): den Geist (das Bewusstsein oder die Seele - denn diese drei werden ja meistens als einander identisch angesehen), so dass Materie in diesem Fall D nur als eine Form des Geistes betrachtet wird, d.h. als etwas, das aus dem Bewußtsein/Geist erklärbar ist (spiritualistischer Monismus).

  

Abb. 3-1. Schemata verschiedener Vorschläge zur Lösung des "Materie-Bewusstsein-Problems"

Heute werden Identitäts-Theorien bevorzugt, z.B. die Zwei-Aspekten-Theorie, nach der der Mensch mit seinen Sinnesorganen den materiellen Aspekt und in seiner Selbstbeobachtung den Bewusstseins-Aspekt ein und derselben - unbekannten - Entität erfasst. Auf diese Weise wird das M-C-Problem als ein erkenntnistheoretisches angesehen, das keine ontische Dignität besitzt. Ontologisch gesehen ist die Identitätstheorie eine monistische Theorie. Es erübrigt sich, auf einzelne monistische und dualistische M-C-Theorien näher einzugehen; denn der entscheidende Punkt für ihr Scheitern ist die Eine-Welt- bzw. Zwei-Welten-Struktur der Wirklichkeit im Wirklichkeitsverständnis ihrer Autoren. Diese vertreten zwar z.T. sehr unterschiedliche Auffassungen, doch nur wenige schlugen Lösungen vor, für die man drei oder gar vier "Welten" (Kästchen) vorsehen müsste. So unterschied Popper (Popper und Eccles 1977) drei Entitäten, "Welten" genannt, und Nicolai Hartmann (1964) sah vier Entitäten, die er "Schichten" nannte, so Weltbild 3-1B in 3-1E differenzierend. Aber auch diese Autoren konnten das M-C-Problem nicht lösen.

Immerhin hat Hartmann das bisher differenzierteste Stufen-Weltbild vorgestellt. Für ihn waren Körper und Materie allerdings keineswegs identisch, denn er unterschied klar zwischen der anorganischen und der organischen Schicht, in welch letzerer er die Kategorien des Lebens fand, die in der anorganischen Materie fehlen. Er unterschied auch klar zwischen Seele und Geist, wobei nur in der geistigen Schicht der zeitlose "objektivierte Geist" beheimatet ist. Konnte Hartmann einen Übergang vom Anorganischen zum Organischen einerseits und vom Psychischen zum Geistigen andererseits noch am ehesten verstehen, so blieb für ihn dennoch der große kategoriale "Hiatus" zwischen dem Organischen, dem materiellen Körper, und dem Psychischen, der bewussten Seele, bestehen.

Unter identischem Gebrauch von "Leib" und "Körper" einerseits und "Seele" und "Psyche" andererseits wird im Folgenden ein Lösungsansatz vorgestellt, der ohne jene anfangs erwähnten Vor-Urteile und Vor-Begriffe entwickelt worden ist, einfach deswegen, weil eine Lösung des M-C-Problems zu finden gar nicht beabsichtigt war. Eine solche Lösung hat sich "ungewollt" bei der Entwicklung ETVG, der "Empiristic theory of visual gestalt perception. Hierarchy and interactions of visual functions" (KH 1992a, 2001) ergeben; denn die visuelle Wahrnehmung findet sowohl im Leib (Körper) als auch in der Seele (Psyche) statt, sowohl in der Materie als auch im Bewusstsein, ist also zur Klärung der tatsächlichen Leib-Seele- bzw. Materie-Bewusstsein-Beziehung prädestiniert. Ja, man kann sagen: in der ETVG liegt bereits die Entschlüsselung der Materie-Bewusstsein- Beziehung.

Hartmanns Schichten wurden von der ETVG übernommen und evolutionistisch als Evolutionsstufen interpretiert, die ihren Niederschlag in vier Schichten der Persönlichkeit gefunden haben. Wie sich aus der ETVG eine Lösung des M-C-Problems ergibt, die den Monismus und Dualismus im Trialismus überwindet, wird im folgenden Abschnitt gezeigt.

 

4. Die trialistische Problemlösung in der ETVG

Während die traditionellen Weltbilder den Menschen als aus zwei Grundstruktur-Merkmalen - oder gar aus nur einem - (in Abb. 2-1 als "Kästchen" dargestellt) verstehbar ansahen, ergibt sich aus der ETVG ein ganz anderes Weltbild: die Wirklichkeit hat nach ihr eine sehr viel differenziertere Grundstruktur, die 6 Welten vorsieht, wie in Abb. 2-2 dargestellt. Auch die ETVG kennt Materie (als Gegebenheiten der materialen Sw) und Bewusstsein (als Gegebenheiten der phänomenalen Sw), unterscheidet beide aber nach je zwei Arten unterschiedlicher Evolutionshöhe: sowohl einerseits Universal-Kosmische (anorganische) Materie (UCM) und andererseits Körpermaterie (VM), als auch einerseits psychisches Bewusstsein (PC) und andererseits geistiges/mentales Bewusstsein (MC). Der Aufbau der Wirklichkeit aus vier Evolutionsstufen ist eine evolutionistische Interpretation der vier Schichten von Hartmann. Wie bei Hartmann wird "Materie" in der ETVG nicht mit "Körper" gleichgesetzt, entgegen Hartmann sind beide jedoch etwas Grundverschiedenes. Ebenso grundverschieden sind Bewusstsein und Seele. Nach der ETVG sind Körper und Seele (und Geist) "Evolutionsstufen", die die Wirklichkeit "vertikal" untergliedern, während Materie und Bewusstsein (und nun auch Funktion) "Seinsweisen" sind, die die Wirklichkeit "horizontal" untergliedern und "senkrecht" auf den Evolutionsstufen stehen.

Die meisten (wenn nicht alle) traditionellen Lösungsvorschläge begehen den Irrtum, einerseits Körper und Materie und andererseits Seele und Bewusstsein miteinander zu identifizieren. Wie die ETVG paradigmatisch zeigt, "besteht" der Körper aber nicht nur aus Materie, sondern auch aus Funktion; er ist eine "Hierarchie funktionsfähiger Materien". Und die Seele "besteht" nicht nur aus Bewusstsein, sondern ebenfalls auch aus Funktion; sie ist eine "Hierarchie bewusstseinsfähiger Funktionen". 

In den traditionellen monistischen und dualistischen M-C-Theorien "berühren" Körper/Materie und Seele/Geist/Bewusstsein einander, sind jedenfalls auf irgendeine Weise einander unmittelbar benachbart; denn andere als diese beiden Grund-Entitäten gibt es in ihnen nicht, wenn überhaupt deren zwei (zumindest ja doch zwei unterschiedliche Faktengruppen) angenommen werden. In der ETVG gibt es eine solche "Berührung", eine solche unmittelbare Nachbarschaft von M und C, nicht. Es liegt vielmehr eine gleichwertige Entität "zwischen" Materie ("materiale Seinweise") und Bewusstsein ("phänomenale Seinsweise"): die "funktionale Seinsweise"; sie begründet somit einen - auf die Anzahl der Seinsweisen bezogenen - ontologischen Trialismus. Selbst wenn einige der monistischen und dualistischen Lösungsansätze eine Unterteilung der Materie und des Bewusstseins vornehmen, müssen dennoch alle den Weg von der körperlichen Materie (VM) zum seelischen Bewusstsein (PC) stets "in einem einzigen Schritt" verstehbar machen, da beide, so meint man ja, unmittelbar aneinander grenzen. Die trialistische ETVG negiert dieses "Berührungsaxiom" in Bezug auf Materie und Bewusstsein. Der trialistische Lösungsansatz kann den Informationsübergang von der höheren Materie (VM) zum niederen Bewusstsein (PC) bzw. in entgegengesetze Richtung in drei Schritten verstehbar machen: Der 1. Schritt von der Körpermaterie zu ihrer (biologischen) Funktion bereitet niemandem ein Verständnisproblem; denn eine spezifische Materie erzeugt eben eine spezifische Funktion, die Natur hat es so gewollt, und man hat sich daran gewöhnt. Dass sich - 2. Schritt - etwas zunächst einfach Strukturiertes zu komplexer Strukturiertem weiterentwickelt, das dann irgendwie aber ganz anders "aussieht" als das einfach Strukturierte, auf dem es aufbaut, ist ebenfalls bekannt: z.B. von der Entwicklung der leblosen anorganischen Materie (UCM) zur lebenden Materie (VM), aber auch aus der UCM selbst: Wasser (H2O) sieht ganz anders aus als Wasserstoff (H) und Sauerstoff (O). Also kann jedermann problemlos einen homologen Vorgang im Falle der Körperfunktionen (VF) akzeptieren: diese sind relativ "einfach" strukturiert und entwickeln sich zu komplexeren Funktionsstrukturen weiter, den "psychischen" Funktionen (PF). Und wenn es für einen Wissenschaftler schon zur Selbstverständlichkeit geworden ist, dass jede Körpermaterie etwas Körperliches und dennoch Nicht-Materielles erzeugt (eben "ihre" Körperfunktion), so kann er auch den 3. Schritt verstehen, mit dem die Psychischen Funktionen etwas Psychisches und dennoch Nicht-Funktionales erzeugen - nämlich "ihre" psychischen Bewusstseine (PC). Der Weg von PC nach MC ist dann dem von UCM zu VM und von VF zu PF homolog. Fazit: es gibt überhaupt kein Materie-Bewusstsein-Problem; denn die Beziehungen zwischen Materie und Bewusstsein werden in der ETVG (s. Teil 2), paradigmatisch für die visuelle Wahrnehmung, genau beschrieben.

Es gibt auch kein Leib-Seele-Problem; zwar "berühren" sich Leib und Seele, aber es berühren sich nicht - wie in den traditionellen Weltbildern - so unterschiedliche Entitäten wie Materie (des Leibes) und Bewusstsein (der Seele), es gibt vielmehr eine ganze, der Materie und dem Bewusstsein ebenbürtige, Seinsweise, die funktionale Sw, die sich durch Leib und Seele "hindurchzieht" und so "Leib und Seele zusammenhält". Eigentlich problematisch ist also nicht so sehr die evolutionäre Weiterentwicklung der "einfachen" Funktionen zu höheren Funktionen, sondern der Übergang von der einen Seinsweise (Materie) zu einer anderen Seinsweise (Bewusstsein), und dazu noch über eine dritte Seinsweise hinweg. Da es vor allem M und C sind, die nicht zusammen "passen", ist hier vom "M-C-Problem" und nicht vom "L-S-Problem" zu reden.

Die Seinsweise der "Funktionen" (F) kannte bisher kein Mensch; sie trennt Materie und Bewusstsein voneinander. Diese Trennung von M und C durch F begründet die besondere Schwierigkeit, ja wahrscheinlich Unmöglichkeit, aus theoretischen Gründen Voraussagen darüber zu machen, wie man eine bestimmte tatsächliche Veränderung des Bewusstseins (PC und/oder MC) aus der Veränderung der Materie (M) und umgekehrt erklären könnte. Da die funktionale Seinsweise (F) die materiale Seinsweise (M) und die phänomenale Sw (C) aber nicht nur voneinander trennt, sondern sie auch in definierter Weise miteinander verbindet - wie im Fall der visuellen Wahrnehmung ausführlich gezeigt - kann schon Verbindlicheres über die Beziehung zwischen M und C ausgesagt werden, allerdings - auch nach dem trialistischen Weltbild - meist wenig Konkretes, denn M und C sind ontisch "weit von einander entfernt" und stehen nur über "Mittelsmänner" miteinander in Kontakt. Ferner: aus der alleinigen Kenntnis der niedrigeren Stufe ist die höhere nicht ableitbar. Vorausgesagt werden kann die höhere Stufe jedoch dann, wenn die Gesetze bekannt sind, nach denen sie sich bildet. Für den Aufbau der Substufen der psychischen Faktoren wurden in Teil 2 die wirkenden Gesetze genannt. Für den Aufbau der Gesamt-Wirklichkeit aus genau vier Evolutionsstufen und genau vier Seinsweisen wird im Hauptkapitel II eine Begründung gegeben.

Dass die traditionelle M-C-Diskussion bisher so unfruchtbar verlaufen ist, liegt an der Unvollständigkeit des Weltbilds der Diskutierenden, d.h. ihren falschen Grundannahmen über die Struktur der Wirklichkeit. So gab es für sie praktisch nur die Alternative: Monismus oder Dualismus (oder sogar Duo-Monismus). Nun stellt sich heraus: dass das M-C-Problem, wenn überhaupt, nur trialistisch zu lösen ist; drei Seinsweisen sind zu denken: nicht Materie allein, nicht Bewusstsein allein, nicht deren Zweiheit allein ist zu denken nötig, sondern die Dreiheit von Materie, Bewusstsein und Funktion (oder wie man diese Sw nennen will). Wäre im Verlauf der Evolution die funktionale Sw zeitlich erst nach der phänomenalen Seinsweise aufgetreten, so würde die trialistische Weltsicht nur eine Erweiterung der bisherigen Sichtweisen mit sich bringen, die bisher angenommenen Beziehungen zwischen M und C aber nicht tangieren. Aber F trat in der Evolution bereits nach M auf, "sitzt" also "zwischen" M und C. Daraus folgt: sämtliche bisherigen Versuche, die Beziehung zwischen M und C auf der Grundlage jenes "Berührungsaxioms" zu formulieren, waren von vornherein zum Scheitern verurteilt. Daraus folgt aber auch, dass die uns bekannten Gesetze der Materie ("Naturgesetze") durch die erst nach dem Entstehen der Materie (materiale Seinsweise) auftauchende funktionale Seinsweise nicht tangiert werden. (Jetzt freuen sich aber die Naturwissenschaftler!) Physik und Biologie können einfach "weitermachen"; die Psychologie allerdings ist auf dem Holzweg.

Nach dem Wirklichkeitsverständnis der traditionellen (monistischen oder dualistischen) Philosophie ist es völlig in Ordnung, in Diskussionen mal vom "Körper", mal vom "Gehirn", mal von "Materie", mal vom "Leib", mal von "physis" zu sprechen; diese Wörter bedeuten ja alle das gleiche, jeder weiß sofort, was gemeint ist (oder glaubt es zu wissen), und ihr Gebrauch lockert ihrer phonetischen Unterschiedlichkeit wegen jede Diskussion in angenehmer Weise auf. Entsprechendes gilt für die Seele- Geist- Bewusstsein- Psyche- Gruppe.

Der "Trialist" darf sich Gleiches nicht leisten. Wer etwa Körper mit Materie gleichsetzt, Seele mit Bewusstsein, der vermischt jeweils zwei wesensverschiedene Entitäten miteinander - Ev.st und Sw - und verursacht dadurch Irrungen und Wirrungen. Aus dieser Selbstbeschränkung auf Definierbares resultiert leider ein großes Problem für den Trialisten: die traditionellen Erörterungen über das M-C-Problem sind für ihn einfach nicht lesbar; denn er weiß gar nicht, "wovon die überhaupt reden - die werfen ja alles durcheinander". So kann er sich mit den traditionellen Monisten und Dualisten gar nicht richtig auseinandersetzen. Warum die "Traditionellen" seit Descartes nicht viel weiter gekommen sind, weiß er allerdings auch nicht. Denn man hatte schon Descartes darauf aufmerksam gemacht, dass Seele und Bewusstsein nicht gleichgesetzt werden dürfen; denn wenn man schlafe, habe man zwar sein Bewusstsein verloren, aber doch wohl nicht gleich seine ganze Seele? Weder Descartes noch die Denker der letzten 350 Jahre nach ihm sahen diese Frage als ein Problem an, das gelöst werden müsse. So blieb es denn bei falschen Grundannahmen. Hoffen wir, dass die ETVG hilft, ihre derzeitigen Annahmen über die Wirklichkeit dem Sein der Wirklichkeit etwas besser anzupassen!

Hartmann scheint ein Aussenseiter der Philosophie zu sein; ich finde ihn selten zitiert, selten überhaupt eine Schichtenlehre. Dennoch ist er einer der Philosophen, die von Stegmüller (1989) besprochen werden, und Stoerig (1992) schließt sein Kapitel "Die neue Metaphysik" mit Hinweisen auf die Gemeinsamkeiten von Schichtenlehren. Gemeinsam sei die

"Lehre vom Stufenbau des Seienden aus einander überlagernden und übergreifenden Schichten, deren oberste der Geist bildet - der Geist, immateriell und nicht gebunden an die Ordnung der Dinge in Raum und Zeit. ...In ganz allgemeiner Charakterisierung lässt sich noch sagen, dass der neue Thomismus ebenso wie die Philosophie Whiteheads und Nicolai Hartmanns eine Philosophie des Seins  ist. Überhaupt besteht bei aller Verschiedenheit der Ausgangspunkte - hie Thomas und Aristoteles, hie Kant und Hegel und moderne Physik - eine sehr bemerkenswerte Übereinstimmung zwischen der neuthomistischen Metaphysik und den Ergebnissen der neuen Metaphysik ausserhalb der katholischen Welt. Solche Übereinstimmung kann kaum zufällig sein. Sie könnte darauf hindeuten, dass hier etwas erarbeitet ist, das jenseits von Schulmeinungen objektive Geltung beanspruchen kann." (S. 593)

Als solche Metaphysik stellt sich auch das im Folgenden vorgestellte Quadrialistische Modell der Wirklichkeit dar. In ihm wird Hartmanns Vierschichten-Weltbild (s. Abb. 3-1E) übernommen, aber in erweiterter Form, nämlich durch horizontale Gliederung jeder Evolutionsstufe in zwei "Welten", die vier unterschiedlichen Seinsweisen angehören. Dadurch weist sich das Weltbild als ein "quadrialistisches" aus. Das zur Lösung des M-C-Problems vorgestellte tralistische Modell der Wirklichkeit ist somit lediglich ein Ausschnitt aus dem quadrialistischen Modell. Dieses enthält vier Evolutionsstufen und vier Seinsweisen, deren "Schnittstellen" acht unterschiedliche Welten repräsentieren. Drum sei es auch "Acht-Welten-Modell" genannt.. 

Aus: Lothar Kleine-Horst (2004): Der Anfang des nach-naturwissenschaftlichen Zeitalters.
Gedanken und Experimente jenseits der Lehrmeinungen. Köln: Enane (Teil 3, Kapitel I)

Zum Kapitel II: Das quadrialistische Acht-Welten-Modell der Wirklichkeit (AWM)

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