Strukturgleichheit von Instinktbewegung und Gestaltwahrnehmung
"I. Fragestellung
Bei der Beschäftigung mit der Gestaltpsychologie und der Instinktlehre fallen einige Analogien auf, die die Beziehungen zwischen Reiz und Instinktbewegung einerseits und die Beziehungen zwischen Reiz und Gestaltwahrnehmung andererseits betreffen.
Eine besonders eindringliche Analogie scheint zu bestehen zwischen
a) der Sukzession von Gestalten, angefangen von mehr undifferenzieren Vorgestalten bis zur voll differenzierten und "reizadäquaten" Endgestalt bei stärker werdender "Reizbindung" der optischen Wahrnehmung, und
b) der zuweilen anzutreffenden Sukzession von Instinktbewegungen bei stärker werdender sensorieller Reizung durch ganz bestimmte "Auslöser"-Reize.
In beiden Fällen also lagen vor:
1. als Bedingung der Wahrnehmung und motorischen Vollzüge eine stärker werdende Reizung,
2. als Erfolg stärker werdender Reizung eine sukzessive "Bereicherung" des Geschehens, sei es des Wahrnehmungs-, sei es des Bewegungsgeschehens.
Die F r a g e l a u t e t n u n: Gelten für die Beziehungen zwischen Reiz und Gestaltwahrnehnmung beim Menschen und für die Beziehungen zwischen Reiz und Instinktbewegung beim Tier dieselben Gesetzlichkeiten, oder ist die gefundene Analogie eine theoretisch uninteressante Zufälligkeit?
Es wäre doch denkbar, daß das Tier ebenso wie der Mensch "gestalthaft" wahrnimmt, wobei an jede spezifische Gestaltwahrnehmung eine spezifische Instinktbewegung gekoppelt wäre. Über das E r l e b e n der Tiere aber läßt sich keine verbindliche Aussage machen. [2]
Es besteht hingegen die Möglichkeit, die Frage an der Wahrnehmung des Menschen zu prüfen. Notwendig für die Untersuchung ist dann die genaue Kenntnis der Gesetzmäßigkeiten, nach denen sich die Auslösung von Instinktverhalten durch gesetzte Reize vollzieht.
[3/4]
(II) III. Grundhypothese und allgemeiner Untersuchungsgegenstand
A. Die Grundhypothese
Es wird folgende Hypothese aufgestellt, deren Verifizierung oder Falsifizierung Aufgabe dieser Arbeit ist:
Die zwischen auslösenden Reizen und reizauslösender Instinktbewegung beim Tier bestehenden Beziehungen sind die gleichen, die zwischen Reiz und reizbewirktem Gestalterleben beim Menschen bestehen.
B. Die Beziehungen zwischen Reiz und Instinktbewegung
Um die Grundhypothese zu präzisieren und damit eine detailliertere Ansatzmöglichkeit für ihre Überprüfung zu erhalten, müssen die allgemeinen Beziehungen zwischen Reiz und Instinktbewegung dargestellt werden.
Dem Inhalte nach folgen wir dabei den in der theoretischen Literatur der Instinktforschung zu findenden Darstellungen (z.B. LORENZ 1943, TINBERGEN 1952). Der Form nach müssen allerdings eigene Wege beschritten werden, um so unterschiedliche Akte wie die der Wahrnehmung und die der motorischen Vollzüge miteinander vergleichbar zu machen. Wenn die Grundannahme richtig ist, so handelt es sich nur um eine scheinbare Inkommensurabilität, die - das kann man vermuten - umso "unscheibarer" werden dürfte, je weiter die Formali-sierung der Beziehungen zwischen Reiz und Akt getrieben wird.
Nicht nur durch weitestgehende Formalisierung wird die Vergleichbarkeit der instinkt-biologischen und gestaltpsychologischen Beziehungen anzustreben sein; schon die Terminologie wird dieses Ziel zu berücksichtigen haben.
Die Instinktforschung ist - insbesondere mit der Methode der "Attrappenversuche" - zu folgenden Annahmen über die Beziehungen zwischen Reiz und Instinktbewegung gelangt: [5]
1. Es gibt Bewegungen ("Instinktbewegungen"), die, wenn überhaupt, in ganz bestimmter Weise "ablaufen".
2. Diese Bewegungen sind "auslösbar" durch spezifische Reize, nämlich bestimmte Sinnesreize oder Beziehungen zwischen Sinnesreizen ("Auslöser"). Das rezeptorische Korrelat für die die spezifischen Instinktinhalte auslösenden Reize heißt "angeborenes auslösendes Schema" (LORENZ).
3. Je stärker die für eine bestimmte Instinktbeweguung spezifischen Reize wirken, umso stärker ist diese Instinktbewegung (nach Amplitude und Frequenz) ausgeprägt.
4.Je stärker die Erregbarkeit eines Instinktsystems, umso stärker sind die zu diesem System gehörenden Instinktbewegungen. Z.B.: je größer der Hunger, desto stärker die instinktiven Nahrungssuch- und Freßbewegungen.
5. Jede Instinkbewegung bedarf zu ihrer Auslösung einer bestimmten Reizstärke (bei bestimmter Höhe der Erregbarkeit) oder einer bestimmten Höhe der Erregbarkeit (bei bestimmter Reizstärke); sie besitzt also eine bestimmte "Auslöseschwelle".
- - - - - - - -
Diese von der Instinktforschung gefundenen Beziehungen können nun in einem mathematisch anmutenden Ausdruck, der im folgenden so genannten "P-Formel", zusammengefaßt werden:
Pxe = + Qxe + Ae - Sx
Die instinktbiologische Interpretation der P-Formel ist wie folgt:
Die Stärke P der zum Instinktsystem e gehörenden Bewegung X ist umso größer
- je größer die Reizstärke Q der die zum System e gehörende Bewegung X auslösenden Reize,
- je größer die Erregbarkeit des "Systems" e,
- je niedriger die Auslöseschwelle S der Bewegung X.
[6]
Diese Interpretation gibt den Buchstaben und Zeichen der P-Formel eine bestimmte Bedeutung. Die Zeichen "-" , "+" und "=" haben also nicht die gleiche Bedeutung wie in der Mathematik, sondern sie besagen, daß die Beziehungen zwischen den durch Buchstaben symbolisierten Beziehungsträgern die Form "Je mehr - umso mehr" bzw. die Form "Je mehr - umso weniger" haben.
Nicht nur eine Formalisierung, sondern - so sagten wir - auch die Terminologie habe die Vergleichbarkeit der instinktbiologischen und der gestaltpsychologischen Beziehungen anzubahnen. Dementsprechend wird der W o r t l a u t der Interpretation geändert:
"Die Aktualisierungsstärke P des Instinktinhaltes X des Systems e ist umso größer,
- je größer die Reizstärke Q der den Instinktinhalt X im System e aktualisierenden Instinktreize,
- je größer die Erregbarkeit des Systems e,
- je niederiger die Aktualisierungsschwelle S des Instinktinhaltes X"
Ein Vergleich dieser mit der vorigen Interpretation läßt erkennen, was mit "Aktualisierung", "Instinktinhalt" und "Instinktreiz" gemeint ist, läßt es zumindest mit einer für den Augenblick ausreichenden Genauigkeit erkennen. [7]
C. Präzisierung der Grundhypothese
Die Grundhypothese lautet nunmehr:
"Die Beziehungen zwischen Reiz und Instinktbewegung und die Beziehungen zwischen Reiz und Gestaltwahrnehmung sind gleichartig und lassen sich in der P-Formel ausdrücken."
Die g e s t a l t p s y c h o l o g i s c h e Interpretation der P-Formel ist wie folgt:
"Die Stärke P der Aktualisierung des Gestaltinhaltes X im System e ist um so größer,
- je größer die Reizstärke Q des den Gestaltinhalt X im System e aktualisierenden Gestaltreizes,
. je größer die Erregbarkeit des Systems e,
- je niedriger die Aktualisierungsschwelle S des Gestaltinhaltes X".
Diese Interpretation ist nicht eine nur a n a l o g e A u s s a g e, sondern ist eine Aussage über a n a l o g e B e z i e h u n g e n: Ihr Inhalt ist nämlich die Annahme folgender Beziehungen zwischen Reiz und Gestaltwahrnehmung:
1. Es gibt bestimmte Gestaltinhalte der Wahrnehmung.
2. Diese Gestaltinhalte sind durch spezifische Reize - "Gestaltreize" - aktualisierbar.
3. Je stärker der Gestaltreiz eines Gestaltinhaltes, umso stärker wird dieser aktualisiert.
4. Je stärker die Erregbarkeit" des "Systems", umso stärker die Aktualisierung der Gestaltinhalte.
5. Jeder Gestaltinhalt besitzt eine bestimmte Aktualisierungsschwelle.
Das augenblickliche Stadium unserer Untersuchung kann den Eindruck erwecken, als würde hier ein Spiel mit Bezeichnungen, eine Art Wortmathematik getrieben. Man weiß zwar: "Gestaltinhalt" ist etwas Ähnliches wie oder doch Analoges von "Instinktinhalt", und dieser hat etwas mit Instinktbewegung zu tun, aber Genaueres kann man nicht sagen. Es ist daher an [8] der Zeit, die Wörter zu Begriffen zu machen, und das geschieht nach einer kurzen Besinnung auf den allgemeinen Gegenstand unserer Untersuchung.
D. Der allgemeine Gegenstand der Untersuchung.
Der allgemeine Gegenstand der Instinktforschung - soweit er für die Gestaltpsychologie fruchtbar gemacht werden soll - sind die Instinktbewegungen und die Bedingungen für ihre Auslösung.
Ihm entspricht als allgemeiner Gegenstand der Gestaltpsychologie der Wahrnehmung die Art und Weise der Wahrnehmung und ihrer Bedignungen. Der erste Teil dieses Gegenstandes ist Phänomenologie, die seit langem in der Gestaltpsychologie getrieben wird, sein zweiter Teil ist die Bedingungsanalyse der Wahrnehmung.
Mit welcher Art von Wahrnehmungsbedingungen wir - die Richtigkeit der Grundhypothese vorausgesetzt - zu rechnen haben, geht aus den Ergebnissen der Instinktforschung hervor:
Hier sind es:
1. "äußere" Faktoren: "Reize", die sogenannten "Instinktreize" und ihre Reizstärke,
2. "innere", funktionale, Faktoren: die "Instinktinhalte" des angeborenen auslösenden Schemas, also das Bewegungskoordinationsmuster, das durch bestimmte Instinktreize angesprochen wird. Und die Aktualisierungssschwelle der Instinktinhalte.
3. Innere dynamische Faktoren: Triebe und ihre Wirksamkeit. Oder in der Interpretation als f u n k t i o n a l e Gegebenheiten: das Instinkt"system" und seine "Erregbarkeit".
[9]
Entsprechend haben wir auch als Bedingungen der Gestaltwahrnehmung:
1. "äußere" Faktoren:Gestaltreize und ihre Reizstärke Q,
2."innere" funktionale Faktoren: Gestaltinhalte und ihre Aktualisierungsschwelle,
3."innere" dynamische Faktoren, die mit bestimmter Stärke wirken; oder in Interpretation als funktionale Gegebenheiten: die "Erregbarkeit" A des "Gestaltsystems" e.
Gegenstand unserer Untersuchung sind also nicht einfach die Beziehungen zwischen Reiz und Erleben, sondern die Beziehungen zwischen (äußerem) Reiz u n d den (inneren) funktionalen Faktoren u n d (inneren) dynamischen Faktoren einerseits und der Wahrnehmung andererseits.
Welche Begriffe sind nun geeignet, die Beziehungen zwischen diesen Tatbestandsgruppen zu erfassen? Diese Frage wird behandelt werden, nachdem geklärt ist, welche Begriffssysteme es denn überhaupt gibt.
1. Es gibt ein Begriffssystem, das geegnet ist, die "Reize", die physikalisch-chemischen Bedingungen des Erlebens, darzustellen: dies System sei deshalb "physiko-chemisches Begriffssystem" genannt.
2. Zur Beschreibung des Erlebens dient vor allem die Alltagssprache; wissenschaftliche Begriffe zur Erlebensdarstellung sind von den Phänomenologen gebildet worden, die sich die Erlebensbeschreibung zur Aufgabe gemacht haben. Das System ihrer Begriffe soll daher "phänomenologisches Begriffssystem" genannt werden.
3. Auch ein "dynamologisches Begriffssystem" gibt es zur Darstellung dynamischer Zusammenhänge. Begriffe wie "Motive", "Triebe", Strebungen", "Interessen" usw gehören hier hinein.
4. Sehr gering ausgebildet worden ist ein "funktionologisches Begriffssystem". "Angeborenes auslösendes Schema", "Schwelle" und einige andere Begriffe gehören hier hinein.
Wir sehen also, daß es für jede Gruppe von Tatbeständen eine eigene Sprache gibt. Diese Begriffssysteme sind für unsere Untersuchung von unterschiedlichem Wert: [10]
Es ist z.B. ganz uninteressant für die Gestaltwahrnehnung, ob eine Lichtsinneszelle durch elektromagnetische Wellen oder durch Luftschwingungen oder sonstwie dazu veranlaßt wird, einen ganz bestimmten Beitrag zur Wahrnehmung zu leisten. Wichtig ist lediglich, d a ß dieser Beitrag geleistet wird, und das wiederum liegt an der Funktion der Lichtsinneszelle. Somit interessieren physikalische Zusammenhänge nicht.
Das phänomenologische Begriffssystem wird hingegen dringend benötigt, denn wenn man die Erlebensbedingungen finden will, muß man das Erleben erst einmal genau kennenlernen. Je besser das Erleben beschrieben werden kann, umso größer ist die Chance, seine Bedingungen zu finden.
In letzter Zeit hat man begonnen, auch ein dynamologisches Begriffssystem auszubilden. Eine Bedingungsanalyse des Instinktgeschehens kann einer Weiterentwicklung der dynamologischen Sprache nicht entraten; für eine Bedingungsanalyse des Konturelebens allerdings werden wir nur ganz wenige Begriffe benötigen. Mit den übrige Begriffen wie "Motive", "Interessen" usw. können wir nichts anfangen.
Von außerordentlich großer Bedeutung für unsere Zwecke ist allerdings ein funktionologisches Begriffssystem.- Wir finden uns aber vor der merkwürdigen Tatsache, daß es kaum Begriffe gibt, die in dieses System gehören: Wir haben somit erst einmal eine Anzal funktionologischer Begriffe zu bilden, um überhaupt funktionologische Zusammenhänge darstellen zu können.
Welche Begriffe nun gibt es, um die Beziehungen zwischen diesen 4 Gruppen von Tatbeständen darstellen zu können? Die Antwert lautet - so glaube ich - gar keine, zumindest keine "adäquaten". In einem Begriff wird etwas auf etwas bezogen. Ein Begriffssystem ist damit zugleich ein Bezugssystem. Nun gibt es offenbar kein Bezugsssystem, auf das diese 4 Bezugssysteme bezogen werden könnten (X)
(X): Nachtrag: Doch! das biologische Bezugssystem! Die Beziehungen selbst
werden durch die P-Formel dargestellt.
[11]
Andererseits "sieht" man doch Zusammenhänge zwischen diesen vier Bereichen und möchte sie gern wissenschaftlich erfassen. Es gibt eigentlich nur drei Möglichkeiten des Vorgehens:
a) Man verzichtet auf die Darstellung von Zusammenhängen und sagt einfach: "Wenn im Bereich A dies, dann im Bereich B das, dann im Bereich C das, usw", das dürfte wohl die "sauberste" Art des Vorgehens sein.
b) Man sagt: "Der Vorgang A und der Vorgang B b e w i r k e n Vorgang C". Wenn man vorher mitgeteilt hat, daß diese Ausdrucksweise nur deswegen verwendet wird, weil sie "praktisch" ist, weil sie weniger anstrengend ist, weil sie legerer ist, daß man dem Ausdruck "Wirken" aber keine ontologische Dignität zubilligen will, dann ist diese Ausdrucksweise im Sinne des Falles a ganz einwandfrei.
c) Man kann aber auch dadurch einen Zusammenhang zu stiften versuchen, daß man Begriffe des Systems A auf Tatbestände der Gruppe B anwendet. Ob das "statthaft" ist, d.h. ob damit ein Erkenntnisgewinn erzielt wird - denn auf einen solchen kommt es ja an - kann zumindest gefragt werden. Der KRUEGERsche "Struktur"-Begriff ist ein Beispiel für die Anwendung eines phänomenologischen Begriffes auf die Bereiche der funktionalen und dynamischen Faktoren. Der "Feld"-Begriff der Gestalttheorie entstammt dem phänomenologischen Begriffssystem und wird angewandt auf die physiko-chemischen Tatbestände. Es bleibt abzuwarten, welchen Erklärungswert sie haben werden.
In dieser Arbeit jedenfalls soll streng eine Tatbestandsgruppe mit dem für sie ausgebildeten adäquaten Begriffssystem dargestellt werden. Wo Begriffe innerhalb des Systems fehlen, werden neue gebildet. Ausdrücke wie "bewirken", aktualisieren" u.a. haben nur "legeren" Charakter.
[12]
E. Funktionologische Begriffe und Hypothesen
Um eine Funktionologie der Kontur begründen zu können, muß erst eine funktionologische Sprache, ein funktionologisches Begriffssystem geschaffen werden, das den gestellten Anforderungen genügt. Da es sich bei funktionalen Gegebenheiten um rein hypothetische Gegebenheiten handelt, die erschlossen werden, und deren Existenzberechtigung sich in ihrer Fähigkeit, Phänomene zu erklären, erweist, sind die Definitionen der funktionologischen Begriffe zugleich Hypothesen.
Funktionaler Inhalt = Oberbegriff für Sinnesinhalt, Instinktinhalt und Gestaltinhalt.
Spezifischer Reiz = Oberbegriff für Sinnesreiz, Instinktreiz und Gestaltreiz.
Sinnesinhalte sind "hypothetische" funktionale Gegebenheiten, die das Erleben mitbedingen und die sogenannte "Sinnesqualität" und "Sinnesintensität" liefern.
An optischen Sinnesinhalten gibt es: Helligkeitswerte, Farbwerte und Ortswerte.
Helligkeits- und Farbwerte sind also f u n k t i o n a l e Gegebenheiten. Sie sind nicht identisch mit der phänomenalen Helligkeit und dem phänomenalen Farbeindruck. Sie sind auch nicht identisch mit der physikalischen Lichtintensität und der Frequenz der elektromagnetischen Wellen, sondern sie sind diejenigen hypothetischen Gegebenheiten, für die die K o n s t a n z a n n a h m e mit aller Strenge gilt: Einem bestimmten Sinnesreiz entspricht also ein bestimmter Helligkeits- und bestimmter Farbwert.
Ortswert ist diejenige funktionale Gegebenheit, die der Lage der gereizten Lichtsinneszelle innerhalb der Netzhaut entspricht.
Die Sinnesinhalte sind also derjenige B e i t r a g zum Phänomen, der von den "äußeren" Reizen aus erfolgt. Die Beziehung zwischen zwei Helligkeits-, zwei Farb- oder zwei Ortswerten ist ihr Abstand. [13]
Dem funktionalen Abstand entspricht phänomenal ein Helligkeits-, Farb- oder Ortsunterschied. "Benachbart" sind solche Reize, deren Ortswertabstand im Verhältnis zum durchschnittlichen Ortswertabstand aller Reize klein ist. Wenn zwei Reize räumlich nahe beieinander liegen, erregen sie auch nahe beieinander liegende Lichtsinneszellen, also haben sie relativ "benachbarte" Ortswerte.
Unter Aktualisierung von Sinnesinhalten ist zu verstehen, daß diese Sinnesinhalte das augenblickliche Erleben mitbestimmen. Wie schon erwähnt, ist "Aktualisierung" ein Legerausdruck, kein eigentlicher funktionologischer Begriff.
Sinnesreize sind diejenigen (physikalisch-chemischen) Gegebenheiten, die bestimmte Sinnesinhalte zu aktualisieren vermögen. Ein Sinnesreiz "hat" - so kann man sagen - einen bestimmten Helligkeitswert, einen bestimmten Farbwert und einen bestimmten Ortswert.
Instinktinhalte sind (hypothetische) funktionale Gegebenheiten, die einen bestimmten Bewegungsablauf bedingen. Es ist durchaus möglich - weil reine Definitionssache - diesen Begriff für das "angeborene auslösende Schema" zu reservieren und den motorischen Vollzug auszuschließen. Die Instinktinhalte sind artspezifisch und müssen für jede Tierart von der Sachforschung ermittelt werden. Ein Instinktinhalt ist "aktualisiert", wenn die betreffende Instinktbewegung gerade durchgeführt wird.
Instinktreize sind diejenigen Gegebenheiten, die einen bestimmten Instinktinhalt zu aktualisieren vermögen.
Gestaltinhalte sind (hypothetische) funktionale Gegebenheiten, die das Erleben mitbedingen.Ihr Beitrag zum Phänomen besteht in der Strukturierung des Sehfeldes (soweit es sich um optische Gestaltinhalte handelt). Alleinige Aktualisierung [14] von Sinnesinhalten ergibt das berühmte "Empfindungschaos"; zusätzliche Aktualisierung von Gestaltinhalten läßt "gestalthaft" wahrnehmen.
Gestaltreiz ist diejenige funktionale Gegebenheit, die einen bestimmten Gestaltinhalt zu aktualisieren vermag.
Aktualisierungsstärke ist die funktionale Entsprechung einer phänomenalen Eindringlichkeit einer Erlebensqualität bzw. die Entsprechung der Bewegungsstärke, die in Amplitude und Frequenz "gemessen" werden kann. Erhöhung der Aktualisierungstärke heißt
" p r o g r e s s i v e Aktualisierung", Erniedrigung dagegen " r e g r e s s i v e Aktualisierung".
Erregbarkeit ist diejenige (hypothetische) funktionale Größe, durch die der Grad der Wirkung dynamischer Faktoren einen funktionologischen Ausdruck erhält.
Reizsumme ist die sich durch Reizstärke und Erregbarkeit ergebende funktionale Größe.
Aktualisierungsschwelle ist diejenige funktionale Größe, durch die bestimmt ist, welche Mindestreizsumme gegeben sein muß, um die Aktualisierung eines funktionalen Inhaltes mit dieser Aktualisierungsschwelle zu erreichen. Die Bedingung für die Aktualisierung eines funktionalen Inhaltes X ist:
Pxe =/> 0, also Qxe + Ae =/> Sx,
wenn man diesen Faktoren nunmehr eine bestimmte Größe zuerkennt.
[15]
F. Dynamologische Begriffe und Hypothesen
"System" ist ein Ausdruck, der jetzt durch einen besseren ersetzt werden soll, sobald klar geworden ist, was man eigentlich mit ihm meint.
Bei der Entwicklung der P-Formel aus den Befunden der Instinktlehre wurde deutlich, daß es sich bei Ae um den Einfluß eines dynamischen Faktors handelt. Wir können nun sagen, daß es sich bei "e" um den "Trieb" handelt, in dessen "Auftrag" das Instinktgeschehen vollzogen wird bzw. die Wahrnehmung erfolgt.
Eine Flugbewegung (Instinktinhalt X) des Samtfalters (Eumenis semele) etwa hat eine bestimmte Aktualisierungsschwelle Sx. Sie kann auf die Wahrnehmung der Farbe Gelb hin (als Instinktreiz X) erfolgen. Die Aktualisierungstärke P des Instinktinhaltes X (also die Stärke der Flugbewegung) richtet sich nach der Stärke des Gelbreizes (Qx) und der Stärke desjenigen Triebes (Ae), in dessen "Auftrag" die Flugbewegung durchgeführt wird, und der Höhe der Aktualisierungsschwelle für die Flugbewegung (Sx).
Nun uist aber die Flugbewegung beim Eumenis-Männchen nicht nur durch einen einzigen Trieb auslösbar, sondern durch zwei: durch den Geschlechtstrieb (e1) und durch den Nahrungstrieb (e2). Das Instinktgeschehen "Flugbewegung" ist also durchaus unterschiedlich, je nachdem, ob es zur Befriedigung des Geschlechtstriebess oder zur Befriedigung des Nahrungstriebes erfolgt. Die Schwelle allerdings für die Auslösung der Flugbewegung ist unabhängig von der Art des Triebes. Es wird nun gezeigt, daß es notwendig ist, sowohl Px als auch Qx in der Formel mit e1 bzw. e2 zu indizieren:
Px ist die "Stärke der Flugbewegung". Im Falle der Durchführung der Flugbewegung im Dienste des Geschlechtstriebes handelt es sich aber um einen B r u n s t - Flug, im Falle ihrer Durchführung im Dienste des Nahrungstriebes um einen F u t t e r - Flug. Um anzugeben, um welche Art von Flug es sich handelt, muß mit e1 bzw. e2 indiziert werden. Entsprechend muß es heißen: Pxe1 und Pxe2. [16]
Entsprechend ist es beim Instinktreiz X: z.B. bei der Farbe "Gelb". Durch Gelb kann die Flugbewegung ausgelöst werden. Allerdings hat Gelb eine durchaus unterschiedliche Reizstärke, je nachdem, ob ein Brunstflug oder ein Futterflug ausgelöst werden soll. Für eine Flugbewegung im Dienste des Geschlechtstriebes ist die Reizstärke von Gelb praktisch gleich Null, d.h. das Eumenis-Männchen reagiert im Brunstflug wie ein Farbenblinder. Beim Blütenbesuch dagegen wirkt Gelb durchaus als starker Reiz, d.h. Eumenis fliegt gelbe Blüten an.
Die symbolische Schreibweise der funktionalen und dynamischen Bedingunmgen für die flugbewegung-auslösende Reizwirkung von Gelb, wie sie sich bei jenen Experimenten ergab, ist:
Qxe1 + Ae1 < Sx
Qxe2 + Ae2 =/> Sx
Eine Besinnung darauf, woran denn eigentlich das "Wirken" unterschiedlicher "Triebe" zu erkennen ist, läßt die Ìnterpretation von Ae wesentlich vereinfachen.
Fliegt etwa der Samtfalter eine Blüte an, saugt Säfte aus ihr, von denen er sich ernährt, so hypostasiert man einen "Nahrungstrieb"; fliegt aber ein Männchen ein Weibchen an und begattet es, dann ist es der "Geschlechtstrieb", der befriedigt wird.
Diese Aussdrucksweise ist durchaus statthaft und auch für viele Sachverhalte als Erklärung zweckmäßig. Dennoch muß man sich darüber klar sein, daß es nicht notwendig ist, von "Trieben" zu sprechen; man kann die U n t e r s c h e i d u n g von bestimmten Handlungen durchaus auf der O b j e k t - Stufe belassen, auf der sie ja auch ursprünglich gewonnen wurde, und von der man sie ins S u b j e k t verlegt hat. Damit hat man zwar keine grundsätzliche Änderung oder gar Verbesserung der Erklärungsmöglichkeiten gewisser Tatbestände geschaffen, es ist eine Frage reiner Zweckmäßigkeit, und für unsere Zwecke scheint es angebrachter zu sein, ganz allgemein ein "Gerichtetsein" des Organismus "auf etwas" anzunehmen, und dann die Besonderungen des Gerichtetseins als bestimmte Arten von "Etwassen" zu fassen. Im Falle von e1 also sprechen wir nicht mehr von [17] "Geschlechtstrieb", sondern vom "Gerichtetsein auf Weibchen", im Falle von e2 sprechen wir nicht mehr von "Nahrungstrieb", sondern vom "Gerichtetsein auf Nahrung" oder gar "auf Blüten". Die Unterscheidung auf der Objektstufe gestattet nämlich, eine viel stärkere Differenzierung vorzunehmen, sogar noch innerhalb eines ganz bestimmten "Triebes".
Soweit die instinktbiologische Interpretation von Ae. Jetzt zur gestaltpsychologischen Interpretation von Ae !
Ae, so sagten wir, ist die Stärke des Gerichtetseins auf ein (Trieb-)Objekt. Während wir - um die instinktbiologischen Sachverhaltein den Griff zu bekommen - verschiedene Triebe und verschiedene Objekte des Gerichtetseins annehmen mußten, werden gestaltpsychologische Sachverhalte (wenigstens soweit sie das Konturerleben betreffen) am besten dann durch die P-Formel erfaßt, wenn man annimmt, daß Ae das Gerichtetsein auf jedes b e l i e b i g e Objekt "e" betrifft. Nicht Gerichtetsein auf "Nahrungs-Objekt" oder "Kampf-Objekt", sondern Gerichtetsein auf "Objekt schlechthin" ist der dynamische Faktor, dessen Stärke in der P-Formel erscheint, Gerichetsein auf ein Objekt a l s Objekt.
"Gerichtetsein auf ein Objekt ins einer Objekthaftigkeit" ist aber psycholgisch gar nichts anderes als "A u f m e r k s a m k e i t s z u w e n d u n g a u f e t w a s ".
Die R o l l e der sogenannten "Aufmerksamkeit" in der Gestaltwahrnehmung ergibt sich somit e i n d e u t i g aus der Funktion des Aufmerksamkeits- G r a d e s (A) und der Art des Aufmerksamkeits-O b j e k t e s in der P-Formel !
Wenn soeben von "sogenannter" Aufmerksamkeit gesprochen wurde, so als Hinweis darauf, daß sie mit dieser Bezeichnung nicht voll erfaßt wird. Zum einen wird Aufmerksamkeit stets auf etwas "g e r i c h t e t", man w e n d e t seine Aufmerksamkeit einem Objekt z u .Wenn man mit der Bezeichnung "Aufmerksamkeit" deren Z u w e n d u n g s- Charakter mit erfaßt, dann kann man sich mit dieser Bezeichnung zufrieden geben. Zugleich aber ist die Aufmerksamkeit eine Zuwendung " a u f e t w a s "; und dieses E t w a s [18] in jede Diskussion über Aufmerksamkeitswirkung hineinzubringen, ist keine philologische Spitzfindigkeit, sondern ein sachliches Erfordernis, das mit dieser Schärfe wohl nicht immer erkannt wird. Es ist einfach n i c h t m ö g l i c h, Gesetzmäßigkeiten der Aufmerksamkeitszuwendung zu finden, wenn man nicht stets feststellt und angibt, w o r a u f sich denn die Aufmerksamkeit richtet! Dieses Zielobjekt der Aufmerksamkeitszuwendung ist in der P-Formel mit "e" symbolisiert, die Stärke der Aufmerksamkeitszuwendung mit "A". Wir werden in den nächsten Kapiteln noch verschiedentlich Gelegenheit haben, die Bedeutung der Angabe des Zielobjektes der Aufmerksamkeitszuwendung kennenzulernen.
Außer der Funktion der Stärke der Aufmerksamkeitszuwendung in der P-Formel und der Notwendigkeit der Angabe des Zielobjektes der Aufmerksamkeitszuwendung ist die Kenntnis zweier Gesetze wichtig, will man das mit Aufmerksamkeitszuwendung verbundene Geschehen richtig verstehen.
Unter "E n g e d e s B e w u ß t s e i n s" ist die Tatsache bekannt, daß sich zu gleicher Zeit nicht beliebig viele Dinge "im Bewußtsein" befinden können. Je breiter sich der eine Gegenstand im Bewußtsein macht, umso mehr werden andere verdrängt, Nach unserer Auffassung ist "Bewußtseinsinhalt" und "Gegenstand der Aufmerksamkeitszuwendung" miteinander identisch, folglich kann der Tatbestand der "Bewußtseinsenge" auch folgendermaßen ausgedrückt werden:
Je mehr die Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Objekt gerichtet ist,
umso weniger ist sie auf alle anderen Objekte gerichtet.
Symbolisch: Je mehr Ae1, umso weniger "Ae2, Ae3, Ae4 usw.
"Selbstverständlich" - so können wir jetzt schon sagen - gibt es bei den Tieren genau die gleiche Erscheinung:
"Je mehr Ae1, umso weniger Ae2..." heißt hier:
Je stärker der eine Trieb wirkt, umso geringer wirkt der andere.- Die Triebe scheinen sich gegenseitig auszuschließen (TINBERGEN 1952, S.....)
Das zweite Gesetz wiederum ist mehr in der Instinktlehre bekannt als in der Gestaltpsychologie, und zwar unter dem Namen "z e n t r a l e E r m ü d u n g": [19]
Wenn ein Instinktgeschehen sich längere Zeit hindurch auf ein und dasselbe Triebobjekt richtet, so verringert sich seine Stärke, obwohl die Reizbedingungen objektiv gleich bleiben.
Es scheint also, daß träte eine "Ermüdung" ein. Man hat festgestellt, daß diese Ermüdung nicht peripher bedingt ist, also eine Ermüdung der Muskeln ist, sondern sie ist eine "zentrale" Ermüdung (TINBERGEN 1952, S. 55 f).
In der Psychologie ist diese Gesetzmäßigkeit eine so banale Tatsache, daß über sie eigentlich gar nicht zu sprechen verlohnt:
Dinge, die sich über längere Zeit im Wahrnehmungsfeld befinden, werden kaum noch beachtet.
Genau das gleiche Gesetz, nur in Anwendung auf "kurze" Zeiten, lautet:
Je kürzer die Zeit ist, in der ein Ding erscheint, umso stärker zieht es die Aufmerksamkeit an sich. Wenn eine plötzliche Veränderung im Wahrnehmungsfeld eintritt, blickt oder horcht man sofort dorthin.
Diese etwas laienhafte Formulierung wurde mit Absicht gewählt, um darzutun, daß es sich um einem jeden geläufige Tatbestände handelt.
Die als Gesetze der Aufmerksamkeit (bzw. der Triebe) soeben mitgeteilten Sachverhalte müssen nicht notwendigerweise, werden aber zwangsläufigerweise die Aufmerksamkeit betreffen.
Betrachten wir z.B. den T a t b e s t a n d, der der "zentralen Ermüdung" zugrunde liegt: Bei mehrmaliger Darbietung derselben Attrappe verringert sich die Reizwirkung der Attrappe von Darbietung zu Darbietung. Das heißt: Die Wirkung der Zeitdauer besteht in einer Verringerung von P.
Es ist völlig in unser Belieben gestellt, wenn sich nicht andere Gründe für die Wahl eines bestimmten Faktors finden lassen, diese Wirkung der Zeit entweder auf Q oder auf A oder auf S anzunehmen. In der Instinktlehre sagt man [20] häufig: "Die S c h w e l l e hebt sich", wenn man die Wirkung der Zeitdauer ausdrücken will. Tatsächlich wird P geringer bei Anstieg der Schwelle. Aber ist es wirklich die Aktualisierungschwelle, an der die Zeitwirkung ansetzt? Man kann es natürlich annehmen, muß dann aber in Kauf nehmen, daß die Schwelle nicht mehr konstant und nicht mehr eine für den Instinktinhalt spezifische Größe besitzt.
Man kann auch annehmen, daß die R e i z s t ä r k e "im Laufe der Zeit" geringer wird, muß dann aber in Kauf nehmen, daß dann jeder Bezug zu objektiven Maßsystemen fortfällt.
Will man sowohl die grundsätzliche Meßbarkeit der Reizstärke als auch die Konstanz der Schwelle erhalten, so setzt man einfach jeden weiteren Einfluß auf P an der Aufmerksamkeitszuwendung (bzw. dem Trieb) an."
______________________________________________________
"Anthropologischer Ansatz [146]
Es wird folgender anthropologischer Ansatz gebildet:
Der Humanisierungsprozeß besteht in der fortschreitenden Verschiebung des Wirkverhältnisses von Instinkt und Gedächtnis zugunsten des Gedächtnisses.
Was besagt dieser Ansatz?
1.
Die naturwissenschaftliche Lehre von der Abstammung des Menschen aus der Tierreihe wird anerkannt.
2.
Die Auffassung des Gegenstandes der Anthropologie erfolgt auf einer höheren Abstraktionsstufe als bisher: Bisher wurde d e r Mensch gesehen im Unterschied von d e m Tier; jetzt werden beide zusammen in einem Prozeß der Entstehung des einen aus dem anderen gefaßt.
Damit ist die Bildung des Begriffes vom Gegenstand der Anthropologie vom Substantialitätsstadium ins Aktualitätsstadium erhoben worden. Daß dieses eine höehere Abstraktionsstufe als jenes darstellt, erkannt man
a) an der Begriffsentwicklung bei Kindern: diese lernen zunächst ihre Umgebung als D i n g e differenzieren, die sie mit Dingwörtern belegen. Dann unterscheiden sie T ä t i g k e i t e n. die sie mit Tätigkeitswörtern belegen. Später können sie E i g e n s c h a f t e n und vor allem B e z i e h u n g e n unterscheiden, was sich in der Verwendung von Eigenschafts- und Beziehungswörtern äußert.
b) an der Entwicklung des Begriffes vom Gegenstand der Psychologie:
Anfangs (ARISTOTELES, THOMAS) faßte man den Gegenstand [147]
psychologischen Denkens als ein D i n g auf: die Seele. Später als ein seelisches G e s c h e h e n (HUME, WUNDT), womit man das Aktualitätsstadium in der Begriffsbildung erreichte. Z.Z. sind Tendenzen deutlich, den Gegenstand der Psychologie als ein B e z i e h u n g s g e f ü g e zu fassen. Sie kommen im "Struktur"-Begiff der KRUEGER-Schule sowie im Isomorphie-Theorem WERTHEIMERs zum Ausdruck. Die vorliegende Theorie erstrebt von Anfang ihrer Entstehung an mit voller Klarheit, in der "Seele" nichts als ein System von Beziehungen zu erblicken.
Der oben eingeführte neue anthropologischen Ansatz befindet sich noch n i c h t auf dieser höchsten Stufe der Begriffsbildung.
3.
Der zuweilen zwischen Mensch und Tier darin gesehene Unterschied, daß das Tier sich durch Instinkte, der Mensch sich vermittels seiner Erfahrung, also durch Gedächtniswirkung, im Leben zurechtfinde, wird nicht mit der üblichen Ausschließlichkeit behauptet. Eine solche Unterscheidung trifft zwar Wesentliches und ist prägnant, aber auch falsch; denn jedes Tier kann Erfahrungen machen, sogar der Einzeller, und jeder Mensch besitzt noch Reste instinktiven Verhaltens, selbst wenn man eine algemeine weitgehende Instinktreduktion für ihn annehmen muß.
4.
Der Ansatz enthebt der Notwendigkeit, den Prozeß der Menschwerdung bereits als abgeschlossen zu denken, zu welcher Annahme ein Grund ja auch nicht vorliegt. Die heutige Anthropologie hat vielmehr glaubhaft gemacht, daß der rezente Mensch mit seinem Gehirn viel mehr anfangen kann als es der Urmensch mit dem seinen konnte (?). Es ist daher zu erwarten, daß sich das Gehirn weiter in dieser Richung entwickelt, so daß eine weitere potentielle Steigerung der Leistung zukünftiger Generationen via Gedächtnis zu erwarten ist.
5.
Der Ansatz muß auf der anderen Seite, erhebt er den Anspruch, richtig zu sein, den mehr oder weniger "plötzlichen" Beginn kulturellen Schaffens, des Beginns also der Entstehung einer von der bisherigen Lebensform unterschiedlichen [148] "menschlichen" Lebensform berücksichtigen. Aus dem Ansatz wird man die Tatsache h e r l e i t e n müssen,. daß j e d e r Menschenstamm, dagegen keine einzige Tierart, kulturelle Betätigung auf den Gebieten der Wirtschaft, Technik, Wissenschaft, Kunst, Religion und des Soziallebens entwickelt hat, auf allen diesen Gebieten und keinem mehr oder weniger. Es bleibt einer späteren Untersuchung der Nachweis vorbehalten, daß diese kulturelle Betätigung sich notwendig aus diesem anthropologischen Ansatz ergibt.
6.
Der Ansatz berücksichtigt allerdings nicht Anatomie und Physiologie des Menschen, und zwar nicht zum Nachteil der Wissenschaft; denn das menschliche E r l e b e n wurde bisher kaum anthropologisch verwertet, ebensowenig wie seine Bedingungen.
7.
Der Unterschied von "Mensch" und "Tier" wird als ein nur quantitativer aufgefaßt. In anthropologischer Literatur wird immer wieder Bedenken gegen ein solches Vorgehen erhoben, weil man doch die q u a l i t a t i v e n Unterschiede so deutlich "sieht". Man wird sich aber an den Gedanken gewöhnen müssen, daß die "qualitativen" Unterschiede im phänomenalen Bereich durch "quantitative" Unterschiede im funktionalen Bereich bedingt sind, und zunächst nur solche sind im anthropologischen Ansatz gemeint
Die Instinkt-Reduktion
Im Bereich optischer Wahrnhmung des Menschen ist die Instinkt-Reduktion vollständig.
1.
Die Struktur der tierischen Wahrnehmung, die erwiesenermaßen
ebenfalls gestalthaft ist, ist instinktiv, angeboren.
2.
Die Annahme der Instinktgebundenheit auch der menschlichen
Wahrnehmung hat unter Hinweis auf die Instinktgebundenheit der tierischen, gestalthaften
Wahrnehmung einiges für sich. Dennoch ist sie nicht zwingend. Sie [149] widerspricht
bei GEHLEN (1950) sogar dessen Annahme allgemeiner Instinktreduktion. Selbst
der evt. Rückzug auf den Einwand, die Instinktreduktion hätte wohl andere Gebiete,
nicht aber das Gebiet optischer Wahrnehmung betroffen, wäre nicht möglich,weil
die optische Gestaltwahrnehmung des Menschen sehr viel differenzierter ist als
die irgendwelcher Tierarten; man müßte also eine Instinkt- I n d u k t i o n
annehmen, wärde damit allerdings auf jeden Fall mit der Annahme allgemeiner
Instinkt- R e d u k t i o n kollidieren.
3.
Aus dem anthropologischen Ansatz und dem Satz von der
Vollständigkeit der Instinktreduktion bei der optischen Wahrnehmung folgt, daß
die Gestaltetheit der optischen Wahrnehmung a u s s c h l i e ß l
i c h durch G e d ä c h t n i s i n h
a l t e bedingt ist.
Es ist also für jeden einzelnen der bisher als das Wahrnehmungsfeld strukturierend angeführten G e s t a l t i n h a l t e nachzuweisen, daß es sich um G e d ä c h t n i s i n h a l t e handelt. Das ist nicht auf direktem Wege möglich, weil diese Inhalte in den ersten Lebenswochen und -monaten erworben wurden; der Nachweis wird daher theoretisch zu erbringen sein.
4.
Da Gedächtnisinhalte sich erst im Laufe des individuellen
Lebens bilden, muß beim ersten
Augenaufschlag des Neugeborenen das berühmt-berüchtigte
"Empfindungschaos" vorhanden sein.
5.
Von Hypothesen A und B nicht betroffen werden die f
o r m a l e n Beziehungen zwischen der optischen Wahrnehmung und ihren
funktionalen und dynamischen Bedingungen. Diese werden durch die P-Formel ausgedrückt.
Anstelle der Instinktinhalte beim Tier treten beim Menschen die Gedächtnisinhalte,
die damit deren Funktion der Strukturierung des optischen Wahrnehmungsfeldes
übernehmen.
6.
Aus dem Satz von der Instinktreduktion geht des weiteren
hervor, daß an eine bestimmte optische Wahrnehmung des Menschen nicht mehr ein
bestimmter motorischer Vollzug geknüpft ist. [150]
7.
Auch besteht in der optischen Wahrnehmung des Menschen
keine instinktgebundene Objektspezifität des Gerichtetseins mehr. Es gibt nur
noch ein unspezialisiertes "Gerichtetsein auf ein Objekt als Objekt"
(=Aufmerksamkeitszuwendung auf etwas) (S. 16f)."
[Auszug
aus Kleine-Horst, L. (2007): "Theorie der optischen Gestaltwahrnehmung.
Das Studentenmanuskript von 1961."
Köln: Enane. S. 1-20 und
146 - 150. Die Seitenzahlen des Originals sind in eckigen Klammern angegeben]
Literatur, soweit hier angegeben:
Gehlen, A. (1950) Der
Mensch. Bonn.
Lorenz, K. (1943). Die angeborenen Formen möglicher Erfahrung. Z. f. Tierpsychologie 5
Tinbergen, N. (1952). Instinktlehre. Berlin
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Dieser Text wurde in diese Website hineingenommen, weil er nach meinem heutigem Verständnis - und das heißt: im Sinne des AWM - nicht allzuviel geändert werden müsste. Er ist daher geeignet, obwohl aus 1961 stammend, beim Leser realistische Gedanken über die Beziehung zwischen biologischer und psychischer Evolutionsstufe anzuregen. Irgendwann werde ich selber mich der ausführlicheren Ausarbeitung dieses Themas widmen. KH 6.3.2007