II. Die Quantitäts-, Orientierungs- und Formwahrnehmung
1. Die Ontogenese der Quantitätsfaktoren
Im Kap. I wurden die Gestaltfaktoren für die Figur/Umfeld-Wahrnehmung als Gedächtnisinhalte aus dem in Vergessenheit geratenen 100 Jahre alten "Kontiguitätsgesetz" hergeleitet. Nach ihm prägt sich das Baby in seinen ersten Lebenswochen häufig vorkommende Lichtreize- Beziehungen und Beziehungs- Beziehungen ein, wie sie sich im Retinabild, der optischen Projektion der "Objekte in ihrer Umgebung" auf die Retina, ergeben. Sobald das Baby die Gedächtnisinhalte für die Wahrnehmung einer "Figur in ihrem Umfeld" (Gestaltfaktoren Pml bis Fl) gebildet hat, vermag es eines der auf seine Retina projizierten Objekte wahrzunehmen - zunächst nur ein einziges; denn der Gedächtnisinhalt ist zunächst nur sehr schwach ausgebildet. Das Baby wird das Objekt und einen Teil seiner Umgebung zunächst auch nur wahrnehmen, wenn es zufällig seinen Blick auf das Objekt richtet. Da sich bei geöffneten Augen meist eine ganze Menge von Objekten auf seiner Retina abbildet, prägen sich immer wieder dieselben Lichtreiz-Beziehungen ein, die für das Retinabild eines "Objekts in seiner Umgebung" charakteristisch sind; anders ausgedrückt: die bereits entstandenden und noch schwachen Gedächtnisinhalte verstärken sich mehr und mehr. Je stärker sie sind, um so weiter peripher von der angeblickten Stelle kann sich ein Objekt befinden, um dennoch wahrgenommen zu werden. Was dann passiert, ist ein reiner Körperreflex: Das Baby wendet "automatisch" seinen Blick auf das Objekt, wodurch sich dieses auf der Fovea, der Stelle des schärfsten Sehens, abbildet. Zunächst kann das Baby mit den Figurfaktoren Pml bis Fl nur dieses eine Objekt wahrnehmen, und es "konzentriert" seine Aufmerksamkeit auf dieses interessante Ding. Immerhin kann es jetzt ein (einziges) Objekt detektieren, auch wenn sich dieses peripher auf der Retina abbildet. Alle anderen auf der Retina abgebildeten Objekte bekommen allerdings noch nicht genug Aufmerksamkeit mit, um diesen noch schwachen Gedächtnisinhalt aktualisieren, d.h. zum Erleben bringen, zu können; denn die Aufmerksamkeit nimmt peripher immer weiter ab. Mit der Zeit prägen sich die Objektbeziehungen via optisch projizierter Reizbeziehungen immer stärker ein, so dass schließlich eine geringere Lichtreizstärke (Leuchtdichte) bzw. eine geringere Aufmerksamkeitszuwendung ausreicht, um simultan zwei "Objekte in ihrer Umgebung" zu erleben, und bald darauf sogar drei und vier und noch einige mehr.
Nun müssen wir uns entsinnen, dass jedes Wahrnehmungserleben ein ganzheitliches ist. Das heißt: das Baby sieht, wenn es simultan z.B. zwei oder drei Objekte wahrnimmt, nicht eine Anzahl von zwei oder drei einzelnen, sondern es sieht Ganzheiten, nämlich eine Zweiheit oder Dreiheit von Objekten. Eine Zweiheit sieht anders aus als ein einziges/einzelnes Objekt, und eine Dreiheit wieder anders als eine Zweiheit. Eingeprägt werden also Mengen von Figuren (in ihrem Umfeld); der entsprechende Gedächtnisinhalt, der als Gestaltfaktor wirkt, sei "Quantitätsfaktor" (Q) genannt, der mit seinen Subfaktoren Q1, Q2, Q3, Q4 usw. Mengen von 1, 2, 3, 4... als unterschiedlich große Mengen wahrnehmen kann. Allerdings geht die Einprägungsfähigkeit nicht sehr weit; irgendwo zwischen 6 und max 10 ist die Grenze erreicht (oft spricht man von sieben); größere Mengen lassen sich zwar mehr oder weniger grob als "noch größer" wahrnehmen, sie lassen sich aber nicht mit einer Genauigkeit von plus/minus 1 wahrnehmend voneinander unterscheiden. ("Zählen" ist ein geistiger Vorgang in der Welt MC (s. Abb. 2-2) und nicht ein psychischer, d.h. Wahrnehmungs-, Vorgang.)
Mengen- oder Quantitäts-Erlebnisse beruhen somit - ebenso wie die Qualitäten der Figur/Umfeld- Wahrnehmung - auf der Aktualisierung implizit erworbener Gedächtnisinhalte, der Quantitätsfaktoren. Wie in Abb.2-4 gezeigt, werden die Q-Faktoren der 6. Hierarchiestufe zugeordnet, einer Stufe über der Faktorenhierarchie Pml bis Fl, die das Perzept "Figur in ihrem Umfeld" generiert. Mit dem Subfaktor Q1 kann das Baby also gerade ein einziges Objekt wahrnehmen, immerhin eines, das auf eine mehr periphere Stelle der Retina projiziert wird. In diesem Falle zieht der Lichtreiz reflektorisch sofort den Blick auf die Reizquelle - und bleibt dort fixiert. Bereits diese physische Aktivität hat "psychische Folgen".
2. Die Ontogenese der Orientierungsfaktoren
Die psychischen Folgen der physischen Blick-Bewegungen bestehen in der impliziten Bildung weiterer Gedächtnisinhalte. Für die Figur-Umfeld-Wahrnehmung wurden Beziehungen und Beziehungs-Beziehungen zwischen Retinareizen eingeprägt. Dies wird auch weiterhin geschehen (möglicherweise lebenslang und in Form der Verfestigung bereits gebildeter Gedächnisinhalte bis Fl). Aber danach werden infolge dauernder Blickzuwendungen zu einer peripheren Reizquelle zusätzlich neue Beziehungen und Beziehungs- Beziehungen eingeprägt, und zwar solche zwischen Augenmuskel-Innervationen. Denn für die reflektorische Blickzuwendung zu einem peripher wahrgenommenen Objekt müssen die Augenmuskeln innerviert werden. Es gibt zwei Paare von ihnen: zum einen zwei Augenmuskeln, deren einer das Auge nach links und deren anderer es nach rechts dreht, und es gibt zwei Augenmuskeln, von denen der eine das Auge nach oben, der andere nach unten dreht. Die Paarlinge arbeiten also einander entgegengesetzt, d.h. antagonistisch. (Genau genommen sind es je zwei Augenmuskeln, die das Auge nach oben bzw. nach unten drehen, aber das spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle).
Wir müssen nun auch hier - wie schon bei der Besprechung der Ontogenese der für das Figur/Umfeld-Perzept zuständigen Faktorenhierarchie - streng unterscheiden zwischen Körperfunktionen, das sind hier die reflektorischen Augenmuskelinnervationen - und psychischen Funktionen, das sind Gedächtnisinhalte (=Gestaltfunktionen), die sich - ebenfalls nach dem Kontiguitätsgesetz - als eine Hierarchie über der Hierarchie der Körperfunktionen, dem okulomotorischen System, bilden, und die durch nachfolgende Reize aktualisiert werden. Sobald also das Baby in der Lage ist, peripher "was" wahrzunehmen, wird es reflektorisch seine Augen so drehen, dass das "Was" auf deren Fovea fällt. Damit wird zugleich die gesamte psychische Funktionenhierarchie, soweit schon vorhanden, auf den Reiz konzentriert. So wird der Reiz am effektivsten "verarbeitet", d.h. er aktualisiert sämtliche Gestaltfaktoren, die eine bestimmte Wahrnehmung des Reizes bedingen. Diesen angenommenen Verhältnissen entsprechend wird das okulomotorische Körperfunktionen- System noch unterhalb des retinalen Körperfunktionen-Systems angesetzt (oder parallel zu ihm). Wenn man das Blickverhalten von Babys in Betracht zieht, bevor das Baby "Figur/Umfeld" (Fl-Stufe) erleben kann, dann muss man annehmen, dass es bereits vorher auf lokale Reize reagiert, und zwar rein körperfunktional, so dass es diesen Reiz nicht einmal (auf der untersten, der P-, Stufe) als eine Helligkeit erleben kann. Da wir bis zum vorigen Kapitel bereits bis zum Erleben von Fl und Q1 vorgedrungen sind, wollen wir die Bildung der Orientierungs- und Formfaktoren erst an Faktor Q1 ansetzen.
Abb. 2-4. Die auf dem Faktor Fl
aufbauende 5-stufige Hierarchie der
Quantitäts-, Orientierungs- und Formfaktoren
Wir nehmen also an, dass das Baby peripher eine Figur (im Umfeld) sieht. "Automatisch" wendet es seinen Blick (und damit seine Aufmerksamkeit) auf diese Figur; dies ist ein Vorgang, den es nicht erst zu erlernen braucht. Für die häufigen Fixationsbewegungen werden ebenso häufig sowohl die vertikal als auch die horizontal drehenden Augenmuskeln innerviert. Damit ist die Situation für den Beginn eines impliziten Lernprozesses gegeben. Diese allein möglichen Drehungsrichtungen des einen Augenmuskelpaares prägen sich - auf der 7. Stufe (s. Abb. 2-4) - als Gedächtnisinhalt "Horizontalität" (H) der (antagonistischen) Richtungen ein, in der das peripher wahrgenommene Objekt liegt; die des anderen führen auf der gleichen Stufe zum Gedächtnisinhalt "Vertikalität" (V) der Richtungen, in der sich das Objekt befindet. Es gibt keine Gedächtnisinhalte oder Subfaktoren für die Einzelrichtungen "links" oder "rechts" bzw. "oben" oder "unten", sondern nur für die Doppelrichtungen links-rechts oder oben-unten. Wohlgemerkt: es findet keine Einprägung jener vier Einzelrichtungen statt; diese sind lediglich funktional präsent, so dass die reflektorischen Augendrehungen in diese Einzelrichtungen erfolgen können. Das kann man sich folgendermaßen erklären: das Auge wird ebenso oft nach links wie nach rechts gedreht, aber mit Hilfe desselben antagonistischen Muskelsystems entweder nach links oder nach rechts. Wenn das "Verrechnungssystem", dessen Existenz man annehmen muss, von allen Innervationsstärken der im Laufe der Zeit erfolgenden antagonistischen z. B. Links/Rechts-Innervationen des "horizontalen" Muskelsystems, den Mittelwert bildet, kommt "Null" heraus, d.h. kein Wert, der zur Bildung eines Gedächtnisinhalts "Links" oder "Rechts" führen könnte. (Für die Mittelwertbildung in diesen antagonistischen Systemen gibt das Verrechnungssystem den Stärken der Antagonisten sozusagen umgekehrte Vorzeichen, die Rechts-Innervationen bewertet es z.B. als "Plus"-Stärken, die Links-Innervationen folglich als "Minus-Stärken".) Das einzige, was eingeprägt werden kann und daher auch wird, ist "Innervierung durch die horizontal drehenden Muskeln", kurz "Horizontalität". Für "oben" und "unten" im Falle der "vertikalen" Drehungen gilt Entsprechendes. Auf der anderen Seite kann das Verrechnungssystem nicht auch aus den horizontalen und vertikalen Innervationen einen Mittelwert = 0 bilden; denn diese V- und H-Innervationen sind in Bezug aufeinander keine Antagonisten; beide Muskelpaare arbeiten völlig selbständig voneinander, sie stehen nicht nur im übertragenen, sondern auch in direkterem Sinne "senkrecht" aufeinander. Folglich werden Horizontalität und Vertikalität nicht mit- bzw. gegeneinander verrechnet; sie werden zu selbständigen Gedächtnisinhalten. Diese sind - wie gehabt - Gestaltfaktoren. Ein Gestaltfaktor erzeugt, wenn er durch nachfolgende Gestaltreize aktualisiert wird, ein bestimmtes Wahrnehmungs-Erlebnis.
Vor Ausbildung der Gedächtnisinhalte V und H wird das Auge mittels eines biologischen Reflexmechanismus einfach in V- und H-Richtung auf das Objekt hin gedreht. Nachdem die Gedächtnisinhalte V und H ausgebildet worden sind, sieht es einen Lichtreiz (oder ein Objekt) bereits in einer vertikalen bzw. horizontalen Richtung bzw. Orientierung und blickt es dann freilich ganz "automatisch" an. Das subjektive Wahrnehmungserlebnis ist dabei nicht die "Ursache" der Blickbewegung zum wahrgenommenen Objekt, sondern ein Begleiteffekt auf Grund inzwischen ausgebildeter Gedächtnisinhalte. Das ist zumindest so in diesem Entwicklungstadium des Babys. (Sehr viel später wird der Mensch in der Lage sein, etwas, das er sieht, und das ihn auch interessiert, willentlich nicht anzublicken.)
Wenn sich das Objekt "schräg" vom Fixationspunkt befindet, kann diese Richtung nicht wahrgenommen werden, - wohlgemerkt: nicht auf der Substufe der V/H-Faktoren! - eben weil beide Augenmuskelpaare nichts voneinander wissen und völlig selbständig voneinander arbeiten. Ein "schräg" vom Fixationspunkt befindliches Objekt kann zwar per Reflex angeblickt werden, aber erlebt wird es entweder genau horizontal oder genau vertikal vom Fixationspunkt befindlich, je nachdem, welcher Gestaltfaktor im Augenblick stärker wirkt. Bei längerer Fixation wird das Baby ein und dasselbe Objekt, das auf ein und dieselbe Retinastelle projiziert wird, alternierend mal genau vertikal, mal genau horizontal gelegen wahrnehmen. Da es aber häufig - ja, praktisch immer und "objektiv" - eine "schräge" (aus V und H kombinerte) Richtung ist, in der sich ein Objekt in Bezug auf den "augen-blick-lichen" Fixationspunkt befindet, bildet sich schließlich aus der häufigen Zusammenbefindlichkeit (Kontiguität) der Aktualisierung sowohl der V- als auch der H-Faktoren der Gedächtnisinhalt "Schrägheit" (T, "tiltedness, obliqueness") aus, der dann derselben, hier der 7., Stufe zugeordnet wird, weil diese durch den Fall Q1 definiert ist. Allerdings muss T innerhalb der 7. Stufe als eine Substufe oberhalb V und H befindlich angesehen werden. Faktor T wird als Mittelwert von V- und H-Innervationen gebildet. Man kann sich "ausrechnen", wo diese Schräge verläuft: genau "in der Mitte zwischen V und H", also im Winkelabstand von 45° und 135° von der Vertikalen und von der Horizontalen. Dieser Mittelwert liegt also als eine positive Größe vor, nicht etwa mit dem Wert Null; denn V und H sind keine Antagonisten. Bei Aktualisierung des Faktors T (in der funktionalen Seinsweise der psychischen Persönlichkeitsstufe) kann das Baby die konkrete Schrägheit einer Richtung nun auch erleben (in der phänomenalen Seinsweise). Die Augenbewegungen selbst erfolgen, auch ohne dass sie erlebt werden, ja, bevor sie erlebt werden, ohnehin kraft der ausgelösten physischen Reflexe in der funktionalen Seinsweise der physischen Persönlichkeitsstufe, d.h. in der Welt VF.
Auch der Gestaltfaktor "Schrägheit" (T) hat keine Subfaktoren wie "von links unten nach rechts oben" oder "von rechts unten nach links oben"; denn die funktionale Unterscheidbarkeit dieser je zwei Unter-Richtungen hat schon mit den Faktoren V und H nicht zu deren phänomenaler Unterscheidung führen können, und T ist ja nur eine Kombination von V und H. Es ist eine sehr späte Erwerbung des Menschen - und nur unter Mitwirkung anderer als visueller Faktoren möglich - die diese antagonistischen Richtungen unterscheiden lässt. Einige Menschen haben noch im Erwachsenenalter Schwierigkeiten mit "links" und "rechts", wie die Alltagserfahrung zeigt. Aber auch in experimentellen Untersuchungen erweist sich die Unterscheidung von l/r und o/u als schwierig, und in Reaktionszeit-Versuchen werden für die Wahrnehmung dieser Unterschiede stets die größten Werte gemessen.
Die Faktoren V, H (und nur in abgeleiteter Form auch T) kann man als Orientierungsfaktoren bezeichnen (die freilich ihre je zwei Antagonisten l/r und o/u phänomenal ununterscheidbar lassen). Sie bilden als "egozentrisches Koordinatensystem" ein rein funktionales Bezugsystem im Kopf des Menschen, auf das der Mensch die phänomenale Richtung eines Objekts im Raum bezieht. Mit anderen Worten: er erlebt die Richtung eines wahrgenommenen Objekts in Bezug auf die jeweilige Lage seines Kopfes im Raum. Und da das Koordinatensystem in seinem Kopf ist, heißt "unten" nicht "in Richtung auf den Erdmittelpunkt", sondern "dort, wohin ich blicke, wenn nur meine unteren Augenmuskeln innerviert sind".
Im Fall Q2 werden simultan zwei Objekte wahrgenommen. In diesem Falle wandert der Blick zwischen beiden Objekten hin und her, und das ist eine ganz andere Situation als die einmalige Bewegung zu einem einzigen Objekt im Fall Q1. Im Fall Q1 bleibt der Blick, wenn er sich dem einzig wahrgenommenen Objekt zugewandt hat, auf ihm fixiert, denn wohin sonst sollte er sich wenden, wenn nichts anderes als dieses Objekt zu sehen ist? Die Hin-und-her-Bewegung des Auges im Falle Q2 weist zwei ganz neue Beziehungen zwischen den für sie benötigten Augenmuskel-Innervationen auf. Damit der Blick von Objekt A zum Objekt B der Abb. 2-5 gelangen kann, muss der Augapfel mit der Innervationsstärke X nach rechts und mit der Innervationsstärke Y nach unten gedreht werden. Bald geht der Blick "automatisch" (reflektorisch) zurück zu A, und zwar mit der Innervationstärke X nach links und mit der Innervationsstärke Y nach oben. Warum? weil es dem Baby zu langweilig wird, immer nur auf die eine Figur zu schauen, wenn peripher links-oben eine andere zu sehen ist. Es sind zwei neue Beziehungen, die stets mit der Hin-und Her-Bewegung verknüpft sind, und die sich nach dem Kontiguitätsgesetz einprägen müssen:
Abb. 2-5. Augenbewegungs-Beziehungen
in den Fällen Q1 (f>A) und Q2 (A<>B)
(f = ursprünglicher zufälliger
Fixationspunkt).
[Die
Abb. 2-5 stellt eine gegenüber der Buchversion verbesserte Version
dar]
1. Für die Hinbewegung A>B wird sowohl das H- als auch das V-Muskelsystem in jeweils gleichem Maße aktiviert wie für die Herbewegung B>A. Dass einmal der eine Antagonist und das andere Mal der andere Antagonist innerviert wird, spielt - wie oben schon gesagt - für die Bildung eines Gedächtnisinhalts keine Rolle. Eingeprägt kann im Falle Q2 aber die Gleichheit der relativen Innervationsstärken des H- und des V-Systems, d.h. die Gleichheit des H/V-Innervationsverhältnisses. Die relativen Innervationsstärken selbst sind das Maß für die "Schrägheit" (T), die wir oben bereits als "Kombination von V- und H-Innervation" behandelt haben. Wie groß die (absoluten) konkreten Innervationsstärken von V und von H sind, d.h. ob A und B einen kleinen oder großen Abstand voneinander haben, der überwunden werden muss, spielt keine Rolle; es kommt für diesen Aspekt von Q2 nur auf das Verhältnis der Innervationsstärken von H und V an. Dieses bestimmt im Fall Q1 die konkrete Orientierung (Doppelrichtung) bereits einer einzigen "Hinbewegung" zum einzigen Objekt, auf dem der Blick dann fixiert bleibt. Im Falle Q2 löst sich nach einer Zeit die Fixation eines Objekts, und der Blick "wandert" zurück zum zuvor angeblickten Objekt, was am schnellsten geschieht, wenn das V/H-Innervations- Verhältnis gleich bleibt. Aus der "Einläufigkeit" im Fall Q1 wird im Fall Q2 die Gegenläufigkeit zweier aufeinander folgender Augenbewegungs- Doppelrichtungen. Für die HIn- und Herbewegung wird somit die Gleichheit des V/H-Innervations-Verhältnisses eingeprägt und führt zu einem Gedächtnisinhalt / Gestaltfaktor, der als "Orientiertheit" (O) bezeichnet werden soll; er ist auf der 8. Stufe angesiedelt. Die Aktualisierung des Gedächtnisinhalts O führt von nun an in (oder auch ohne) Verbindung mit einer konkreten Hin- und Herbewegung der Augen zum Erleben einer bestimmten Orientierung z.B. einer Linie AB. Dabei ist die Richtung der Herbewegung A<B genau entgegengesetzt der Richtung der Hinbewegung A>B.
2. Durch eine weitere Beziehung ist Fall Q2 gekennzeichnet; denn Im Fall Q1 erfasst das reflektorische okulomotorische System nicht nur die Richtung, in der sich das (einzige wahrgenommene) Objekt befindet, so dass die Augen einigermaßen zielsicher in Richtung auf das Objekt hin gedreht werden können. Es erfasst auch den Abstand des Objekts von der augenblicklichen Fixationsstelle. Nun "lernt" das Baby, dass nach der Hinbewegung vom fixierten Objekt A zum simultan wahrgenommenen zweiten Objekt B der Abstand vom nunmehr fixierten Objekt B zum Objekt A genauso groß ist wie vorher der Abstand von A zu B. Es bildet sich also notwendigerweise für den Fall Q 2 ein neuer Gedächtnisinhalt aus: die Gleichheit der absoluten Innervationsstärken des V-Systems einerseits und des H-Systems andererseits. Diese Gleichheit (nicht die konkreten Innervationsstärken selbst) wird eingeprägt und führt zum Gedächtnisinhalt "Erstrecktheit" (E). Wenn dieser Gedächtnisinhalt nach seiner Ausbildung durch die simultane Wahrnehmung von zwei Figuren (Fall Q2) aktualisiert wird, so wird erlebt, dass B den gleichen "Abstand" von A hat wie A von B. Die Erstreckung (E) (Länge, Abstand) wird unabhängig von der Orientierung (O) erlebt, in der sie verläuft; und die Orientierung wird unabhängig von der Größe der Erstreckung erlebt. O und E sind zwei voneinander unabhängige Gestaltfaktoren, auch wenn sie - weil auf derselben Stufe der Hierarchie angesiedelt - stets zusammen aktualisiert werden - so wie die Faktoren V und H.
3. Die Ontogenese der Formfaktoren.
[Der Text dieses Webkapitels 3 stellt eine gegenüber dem Buchkapitel teilweise verbesserte Version dar.]
Die Faktoren E und O gehören nicht mehr zum "egozentrischen" Koordinatensystem; denn dieses konstituiert sich aus den Orientierungsfaktoren V, H und T. Diese sind "subjektiv", d. h. sie beziehen sich auf den Wahrnehmenden selbst. Sie beziehen Lage und Abstand des Objekts auf den Ort seiner Augen im Raum. Die Q2-Faktoren E und O sind anderer Art als V, H und T: sie sind "objektiv", denn sie repräsentieren keine Beziehungen des Objekts zum wahrnehmenden Subjekt, sondern Beziehungen zwischen den wahrgenommenen Objekten (oder Objektteilen) selbst. Diese Beziehungen beginnen die wahrgenomme Form eines Objekts zu definieren. Deswegen sollen die Gestaltfaktoren der 8. bis 10. Stufe der Fälle Q 2 bis Q 4 als "Formfaktoren" bezeichnet werden. So lässt Faktor E ein längliches Objekt, z.B. eine Ellipse, als "länglich" auch erleben, d.h. mit E kann der Mensch eine räumliche Ausdehnung (Erstreckung) eines Objekts in einer beliebigen Orientierung z.B. als größer denn die Ausdehnung in einer zu dieser völlig verschiedenen Orientierung wahrnehmen. Das heißt; E lässt an einem Objekt z.B. "Länge" von "Breite" unterscheiden. Ist die Breite = 0, so hat das Objekt nur eine Länge, d.h. es wird (mit E) als eine (breitelose) "Linie" wahrgenommen. Diese Art Linie ist keine "Grenzlinie" (Ll+) wie im Falle des Figurwahrnehmungssystems; sondern eine "Verlaufslinie"; denn sie verläuft (so wie die Augenbewegung verläuft) von einem "Anfang" zu einem "Ende", wobei umgekehrt dieses Ende zugleich als Anfang eines Verlaufs zu jenem Ende erlebt werden kann, das der Anfang des vorigen Verlaufs war. Da der Verlauf gegenläufig ist, ist einmal das eine "Ende" der Anfang des Verlaufs und das andere "Ende" das wirkliche Ende des Verlaufs, das andere Mal sind Anfang und Ende ausgewechselt. Insofern hat es überhaupt keinen Sinn, vom Anfang und Ende zu reden und bezeichnet dann beide "Enden" mit ein und demselben Ausdruck, man könnte auch den Ausdruck "Grenze" verwenden. Dies ist die Wahrnehmung auf der Q2-Stufe.
Es ist sehr wichtig, sich an die ganz unterschiedliche und damit auch komplexe Erlebensweise ein und desselben Reizmusters zu gewöhnen. Nur als Beispiel: eine Linie kann auf der 4. Stufe als "Grenzlinie" (Ll+) zwischen zwei Feldern (Ll-) erlebt werden, dieselbe Linie auf der 8. Stufe auch als "Verlaufslinie" zwischen zwei (Q2) Enden (Fl) von bestimmter Länge (E) und Orientierung (O).
Die "Enden" einer Linie wurden soeben dem Faktor Fl zugeordnet, wieso? Sie sind zwar keine flächigen "Figuren im Umfeld", aber sie sind mögliche Fixationspunkte für die Aufmerksamkeitszuwendung, so wie eine "Figur in ihrem Umfeld" auf der Fl-Stufe es ist. Die visuell konkret wahrnehmbare Fl-Figur 1. Ordnung hat sich auf dieser Stufe zu einem "Punkt", nämlich einem Fixationspunkt, gewandelt. Damit hat sich das Wahrnehmungssystem in gewisser Weise vom konkret Wahrgenommenen, nämlich den Helligkeiten und Farben, befreit; denn meine Aufmerksamkeit kann ich auf jeden "Punkt" richten, auch wenn dort nichts zu sehen (oder sonstwie sinnlich wahrzunehmen) ist. Aber es gibt noch eine zweite Art des Unabhängigwerdens, die auf der 8. Stufe realisiert wird. Im ETVG-Buch habe ich die beiden Faktoren T und O als einen einzigen auf der 8. Stufe aufgefasst; ich war mir aber "irgendwie" im Klaren darüber, dass über die Formfaktoren noch nicht Endgültiges gesagt worden war. Hier also sind die Faktoren getrennt, wodurch das System einen Gestaltfaktor mehr bekommt. Faktor T einerseits und V und H andererseits sind als auf zwei Substufen der 7. Stufe angesiedelt zu denken. Jetzt erst bekommt Faktor O und mit ihm Faktor E eine ganz bestimmte Bedeutung, die sich von der Bedeutung der drei Orientierungsfaktoren der 7. Stufe absetzt. Mit O und E werden Orientierung und Erstreckung (Länge/Abstand) unabhängig vom egozentrischen Bezug zum Wahrnehmenden, d.h. zur eigenen Lage im Raum erlebt. Eine Linie beispielsweise wird als in bestimmter Orientierung befindlich und von bestimmter Länge erlebt, gleichgültig, wo ich als Wahrnehmender mich befinde. Ich kann mich zum Objekt hin bewegen oder mich von ihm fortbewegen, oder ich kann um das Objekt herumgehen, das Objekt selbst kann sich im Raum fortbewegen oder drehen: Stets behalten die an diesem Objekt wahrgenommenen Linien die gleiche Länge, und sie befinden sich in gleicher Orientierung. Da diese Gleichheit von O und E die Grundlage für die Ausbildung der Gestaltfaktoren der nächst-höheren Stufen darstellt, heißt das, dass die Qualitäten der höheren Gestaltfaktoren der Formwahrnehmung, ebenfalls gleichbleiben. Mit den Faktoren O und E, den untersten Formfaktoren, wird somit die "Formkonstanz" begründet. (Die Phänomene der übrigen Wahrnehmungskonstanzen werden auf Grund dieser Annahmen wahrscheinlich ebenfalls einer Erklärung durch die ETVG zugänglich).

Abb. 2-6. Augenbewegung A<>C
als arithmetisches Mittel zweier gleichhäufiger symmetrischer
über B1 und
B2 führender Augenbewegungen im Fall Q3
Wie entstehen die nächsten Formfaktoren? Im Fall Q3 sind es drei Objekte, die das Baby simultan wahrnimmt, und zwischen denen Blickbewegungen erfolgen. Zwischen je zwei Objekten gibt es die "alten" Q2--Hin-und Herbewegungen, die dadurch gekennzeichnet sind, dass nach Erreichen eines anderen Objekts der Blick sofort zum vorherigen Objekt zurückkehrt. Im Fall Q3 treten neue Innervationsbeziehungen auf. Sie sind dadurch gekennzeichnet, dass der Blick nach Erreichen eines anderen Objekts nicht zum vorigen Objekt zurückkehrt, sondern sich auf ein drittes Objekt richtet (und danach erst auf das vorige oder das erste Objekt zurückkehrt). Dieser Fall ist in Abb. 2-6 doppelt dargestellt: Der Blick wandert beispielsweise von A über B1 nach C. Ebenso oft ist der Fall Q3 dadurch realisiert, dass der Blick von A über B2 nach C geht. Was bedeutet das? Es bedeutet, dass es "im Durchschnitt" völlig gleichgültig ist, wo sich das "mittlere" Objekt befindet, über das der Blick zum 3. Objekt gelangt. Da die Richtung AB2 von der Richtung AC ebenso oft nach "links" abweicht wie die Richtung AB1 von der Richtung AC nach "rechts" abweicht, und da sich das arithmetische Mittel dieser Abweichungen im Gedächtnis einprägt, heißt das, dass sich B "im Durchschnitt" genau zwischen A und C befindet, wie in Abb. 2-7 dargestellt; denn das arithmetische Mittel der Richtungs-Abweichungen zweier nacheinander erfolgenden Bewegungen ist Null. Man kann auch sagen: Zwei aufeinander folgende Bewegungen haben die gleiche Richtung. Das heißt: die Bewegung vom 1. Objekt über das 2. zum 3. Objekt ist eine "gerade" Bewegung. Der durch diesen impliziten stochastischen Lernprozess sich ergebende Gedächtnisinhalt (Gestaltfaktor) wird als "Geradheit" (S=straightness) bezeichnet. Doch nicht nur die Richtungen zweier aufeinander folgenden Bewegungen sind "im Schnitt" gleich, sondern auch ihr Ausmaß ist es, d.h. die Abstände vom 1. zum 2. und vom 2. zum 3. Objekt sind "im Schnitt" gleich; es herrscht "Maßgleichkeit" (M). So ist auch die Bezeichnung des sich daraus ergebenden Gedächtnisinhalts bzw. Gestaltfaktors.

Abb. 2-7.
Durchschnittliche Gleichheit von Richtung und Ausmaß der Augenbewegungen
vom
1. zum 2. und vom 2. zum 3. Objekt im Fall Q3.
Abb. 2-7 zeigt die Gleichheit der aufeinander folgenden Richtungen und Wegstrecken im Fall Q3. Es ist stets zu unterscheiden: was bewirken die biologischen (Körper-)Faktoren und was die psychologischen (Gedächtnis-) Faktoren? Im Falle der Aufeinanderfolge der Blickfixierung von A>B>C detektiert das VF-System der Okulomotorik "natürlicherweise", dass der Abstand B>C größer ist als der kurz zuvor überwundene Abstand A>B. Aber das VF-System kann nicht erleben, dass B>C größer ist als der Abstand A>B. Erleben lässt dies im Falle Q3 erst das PF-System mit Hilfe des aktualisierten Gestaltfaktors "Maßgleichheit" M: In Bezug auf diesen Gestaltfaktor ist Abstand B>C ja nicht maßgleich dem Abstand A>B. Faktor M ist auf der 9. Stufe angesiedelt, denn er stellt ein Verhältnis zweier Erstreckungen (E der 8. Stufe) her. Es ist sogar anzunehmen, dass die Größe dieses Verhältnisses erlebt werden kann, also die "relative Größe" als z.B. "zweimal, dreimal oder viermal so groß", denn die hierfür notwendigen Quantitätsfaktoren stehen ja bereits auf der 6. Stufe zur Verfügung. Die "absolute Größe" dagegen ist nicht erlebbar; für sie wurde kein Maßsystem ausgebildet. Dazu muss das Kind erst auf die Schule gehen, um mit Hilfe expliziter Lernprozesse Größenvergleiche in konventionellen Größenskalen anstellen zu können.
Im Fall Q3 wird ein zweiter Gedächtnisinhalt gebildet. Abb. 2-6 lässt erkennen, dass es "im Leben" genauso oft vorkommt, dass drei Objekte in der Anordnung A<>B1<>C wie in der Anordnung A<>B2<>C vorliegen. Das "arithmetische Mittel" zwischen der Orientierung A<>B1<>C einerseits und der Orientierung A<>B2<>C andererseits ist die Orientierung A<B>C der Abb. 2-7. Dabei bilden die Linien A-B und B-C eine Gerade. Diese ist dadurch gekennzeichnet, dass zwei aufeinander folgende Linien/ Erstreckungen die gleiche Orientierung besitzen. Daraus ergibt sich der Q3-Gedächtnisinhalt/Gestaltfaktor "Gleichheit der Orientierungen zweier aufeinander folgender Verläufe (LInien)", kurz "Geradheit" (S = "straightness") genannt. Bei Aktualisierung beider auf Stufe 8 angesiedelten Gestaltfaktoren (M und S) ergibt sich die Anordnung in Abb.2-7. Die Aktualisierung des Faktors S lässt die Geradheit (bzw. Ungeradheit, z.B. Geknicktheit und Bogigkeit) wahrnehmen, die Aktualisierung des Faktors M die Maßgleichheit (oder -ungleichheit) der beiden Erstreckungen. Man beachte: Eine "Gerade" ist ein Fall von Q3, nicht von Q2. Eine Gerade hat drei funktionale Fixationspunkte, zwei, die auch phänomenal gegeben sind, nämlich die beiden Linienenden, und einen 3., nicht phänomenal, sondern nur funktional gegebenen, Fixationspunkt irgendwo zwischen den phänomenal gegebenen Endpunkten, und zwar bevorzugt in der Mitte zwischen ihnen, gemäß dem Gestaltfaktor "Maßgleichheit". Nach der Euklidschen Geometrie wird eine Gerade so behandelt, als habe sie nur zwei (ausgezeichnete, d.h. Fixations-) Punkte (diejenigen, die man "sieht"). Deswegen bedarf es einer komplizierten und künstlichen Axiomatik, um die natürliche Geometrie-Axiomatik, die auf der Drei-Punkte- Geraden beruht, zu überwinden.
Als "Fall Q4" wird bezeichnet, wenn vom Baby vier Objekte simultan wahrgenommen werden. Wie Abb. 2-8 zeigt, bleiben die "alten" Beziehungen bestehen (sie beruhen auf den mitwirkenden hierarchisch niederen Gestaltfaktoren). So kann jedes der vier Objekte von einem peripher gelegenen Fixationspunkt erreicht werden (Fall Q1). Zwischen je 2 Objekten besteht die Hin-und-Her-Beziehung (Fall Q2). Auch stehen von den vier Objekten jeweils drei miteinander in Beziehung, wie beschrieben (Fall Q3). Im Fall Q4 treten wieder zwei neue Beziehungen auf.
1. Wie aus Abb. 2-8 ersichtlich, sind im Fall Q4 die Q2-Verläufe zwischen A und B einerseits und C und D andererseits dadurch gekennzeichnet, dass sie keine unmittelbare Verbindung (Beziehung) miteinander haben; d.h. sie haben kein Objekt (oder Linienende) gemeinsam, an dem sie sich treffen. Das Gleiche gilt für die Verläufe A-D und B-C. Insgesamt gibt es 4 "Enden" (die als Fixationspunkte dem Faktor Fl entsprechen).

Abb. 2-8. Beziehungsmuster möglicher Augenbewegungen im Falle Q4
2. Es gibt ferner Verläufe zwischen je zwei Objekten, die ebenfalls kein Objekt gemeinsam haben, die aber einander "schneiden": A-C und B-D. Wenn man sich fragt, zu welchen Gedächtnisinhalten diese Beziehungen auf Grund des Kontiguitätsgesetzes führen müssen, dann findet man schnell heraus, dass die je zwei nicht aufeinander treffenden Linien zwar alle beliebigen Orientierungen einnehmen können, nur halt derart, dass die Winkelsumme aller einander nicht treffenden Linine gleich Null ist, und das ist nur gegeben im Falle von Parallelität, d.h. es entsteht für die sich nicht berührenden Linien der Gedächtnisinhalt/ Gestaltfaktor "Parallelität" (R-). Und die sich kreuzenden Linien können ebenfalls alle möglichen Orientierungen einnehmen, doch derart, dass die Summe der vier Winkel stets 360 Grad beträgt. Das wiederum heißt, dass die "durchschnittliche" Winkelgröße 90° beträgt. Da das Verrechnungssystem stets solche "Durchschnittswerte" berechnet, die sich dann einprägen, entsteht für die sich schneidenden Linien im Fall Q4 der Gedächtnisinhalt/ Gestaltfaktor "Rechtwinkligkeit" (R+).
Ab Fall Q5 treten keine neue Beziehungen zwischen den AugenmuskeI-Innervationen auf; mit Q4 und den R-Faktoren (oder R-Funktionen) ist der Aufbau des Formwahrnehmungssystems und mit ihm der Aufbau des geometrischen Koordinatensystems abgeschlossen. Dieses ist durch zwei Scharen (Q4) gerader (S), gleichlanger (M), parallele (R-) orientierter (O) Erstreckungen (E) charakterisiert, von denen die eine Schar die andere rechtwinklig (R+) schneidet (Abb. 2-9). Das egozentrische Koordinatensystem kann sich dadurch bemerkbar machen, dass die Orientierungen in der Vertikalen (V) und Horizontalen (H) verlaufen. In diesem System ist auch die "schräge" (T) Orientierung realisiert, und zwar sowohl als 45° als auch als 135°- Orientierung (Abb. 2-9, gestrichelte Linien). Ich denke, ein Mathematiker wird erkennen, dass das psychologische Formwahrnehmungssystem der ETVG die Axiome der Geometrie enthält.

Abb. 2-9. Zeichnerische Darstellung des von den Quantitäts-, Orientierungs- und Formfaktoren gebildeten geometrischen Koordinatensystems
Mit der einmaligen Aktualisierung der 10-stufigen Faktorenhierarchie kann man ein Objekt mit einer aus nur wenigen (bis etwa 6 oder 7) geraden oder bogigen "Teilen" bestehenden Form "objektadäquat" wahrnehmen. Die hierbei wahrnehmbare Figur gehört noch zur Klasse der "Figuren 1. Ordnung". Sie besitzt eine ganz einfache Form; ein Quadrat, ein Rechteck, ein Trapez, auch noch eine fünf- oder sechseckige Figur mit ein paar "schiefen" Winkeln kann mit dieser einmalig aktualisierten Hierarchie wahrgenommen werden, kaum mehr. Für die Wahrnehmung von Objekten komplexerer Form muss die 10-stufige Grundhierarchie oder müssen Teile von ihr mehrfach (d.h. "verschachtelt") aktualisiert werden; dabei entstehen Figuren 2., 3., 4. usw. Ordnung.
Abb. 2-10 zeigt den "Ring mit Kreuz" (Abb.1-17) als eine Figur 3. Ordnung. Auf Grund der Kenntnis aktualgenetischer Verläufe (s. Teil 1) kann man sagen, dass sich jede der einzelnen Strukturen über einen "dunklen Flecken" ausbildet, und zwar unter Aktualisierung des Figur/Umfeld-Systems von Pml bis Fl. Ein (späterer Kreuz-) Balken könnte sich über eine ellipsenförmige Langstreckung (Faktor E) des Fleckens ausbilden, der eine vertikale (V) bzw. horizontale (V) Orientierung (O) einnimmt und durch veridikalere Abmessungen (M) in V- und H-Orientierung schmalen Balkencharakter annimmt. Dabei sind die Grenzkonturen (Ll+) völlig gerade (S) und einander parallel (R-), und sie stehen an den Balkenenden rechtwinklig (R+) zueinander. Alle Perzepte sind bis zu diesem Entwicklungsstadium Figuren 1. Ordnung, weil für sie die Grundhierarchie der Gestaltfaktoren nur ein einziges Mal aktualisiert werden musste. Beide Figuren 1. Ordnung werden nun zu einem Kreuz kombiniert, wobei unter Aktualisierung von R+ eine Figur 2. Ordnung entsteht.

Abb. 2-10. Die Struktur des "Ring mit Kreuz" als Figur 3. Ordnung.
Die Entwicklung des Rings nimmt einen anderen Verlauf. Hier bildet sich innerhalb der Figur 1. Ordnung "dunkler Flecken" (Fl) ohne Aktualisierung höheren Faktoren eine weitere Figur 1. Ordnung, nämlich ein heller Flecken (Fl), und damit ist bereits eine Figur 2. Ordnung entstanden. Beide Figuren 2. Ordnung - Kreuz und Ring - kombinieren sich zu einer Figur 3. Ordnung.
Aus: Lothar Kleine-Horst (2004):
Der Anfang des nach-naturwissenschaftlichen Zeitalters.
Gedanken und Experimente
jenseits der Lehrmeinungen. Köln: Enane. (Teil 2, Kapitel II.)
Zu Kap. III: Die vierfache phänomenale Wirkung der Gestaltfaktoren.