IV. Phantasie und Zahlen
1. Phantasievolle Kinderzeichnungen negativer Nachbilder
Abb. 1-28 bis 1-33 zeigen Negative Nachbilder, die von 8- bis 13- jährigen Kindern gezeichnet worden sind. Wie zu erkennen, beginnen diese Zeichnungen meist mit einem ziemlich objektadäquaten Bild des Objekts und bleiben danach bei den älteren Kindern (V.K. und E.K.) im Rahmen von Gestaltungen, die auch bei Erwachsenen zu beobachten sind, und die meist den spezifischen Ähnlichkeitsklassen des Objekts zugeordnet werden können. Jüngere und/oder besonders phantasiebegabte Kinder (C.K., N.S.) wandern dann rasch ins Reich der Phantasie, indem sie das tatsächlich Wahrgenommene reich ausschmücken, und dennoch ist auch in diesen phatasievollen Zeichnungen fast stets ein Muster zu erkennen, das uns aus den bisherigen Abbildungen als ein Negatives Nachbild des Objekts bekannt ist.

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Abb. 1-28. Negative Nachbilder des "Ring mit Kreuz" von V.K. (13;0) |
Abb. 1-29. Negative Nachbilder des "Ring mit Kreuz" von E.K. (9;10) |
Abb. 1-30 und 1-31: Negative Nachbilder des "Ring mit Kreuz" von C.K. (8;8)

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Abb. 1-32. Negative Nachbilder des "Ring mit Kreuz" von C.K. (8;8) |
Abb. 1-33. Negative Nachbilder des "Ring mit Kreuz" von N.S. (8;2) |
2. Maß und Zahl in der ASW
Der Amerikaner J. B. Rhine (Rhine und Pratt 1962) hat quantitative Verfahren in die parapsychologische Forschung eingeführt, um die Ergebnisse experimenteller Arbeit statistisch abzusichern. Er arbeitete mit den fünf berühmt gewordenen sogen. "Zenerkarten", auf denen sich je eine der folgenden Figuren befand: Kreis, Kreuz, Quadrat, Dreieck, Wellenlinie. Diese Muster hatte er von dem Wahrnehmungspsychologen Zener erstellen lassen. Von einem Stapel solcher gut gemischter Karten entnahm er nacheinander eine der Karten, legte sie mit der Figurseite nach unten der Vp vor und ließ diese raten, um welche der fünf (den Vpn. bekannten) Figuren es sich handelte. Die tatsächliche Trefferquote setzte er mit der theoretischen Zufalls-Trefferquote von 20% in Beziehung und konnte auf diese Weise sehr geringe Wahrscheinlichkeiten dafür errechnen, dass die tatsächliche Trefferquote auf einem Zufall beruhte. Noch heute arbeitet man mit diesen Zenerkarten. Bisher habe ich nicht den Sinn dieser Rate-Methode verstanden, d.h. nicht verstanden, warum Rhine extra einen Wahrnehmungspsychologen anheuerte und ihm auch noch die hohe Ehre der Namensgebung für das Verfahren gab, obwohl er und seine Nachfolger doch die eigentlichen Wahrnehmungsqualitäten, d.h. die spezifischen visuellen Formen der Muster, bei ihren Auswertungen völlig außer Acht ließen. Statt für fünf Kärtchen von einem "Experten" fünf Figuren konstruieren zu lassen, hätten doch zwei Kärtchen genügt, ein Blankokärtchen und eines mit der Kritzelei eines Zweijährigen und der Frage an die Vp bei Vorlage eines Kärtchens: "Ist da was drauf, oder ist da nichts drauf?" Das heißt: Rhine und seine Nachfolger erforsch(t)en zwar das außersinnliche Sehen, ohne danach zu fragen, was denn ihre Hellseher tatsächlich sehen, erleben, etwa einen Kreis oder einen Halbkreis oder wenigstens einen Bogen, oder im Falle des Kreuzes vielleicht nur einen Balken (den es auch beim Dreieck gibt) oder einen schiefen oder einen rechten Winkel usw. So angewandt, haben die Zenerkarten eher die Bedeutung eines Markenartikels, der mit viel Aufwand unters Volk gebracht wurde. Diejenigen Wissenschaftler wie Tischner und Ryzl, auch Bender (1935), nicht zu vergessen den Schriftsteller U. Sinclair (1930/1973), die ihre Objekte wirklich haben sehen, wahrnehmen, lassen, wurden kaum beachtet. So findet man denn in dem von Rhine herausgegebenen und bedeutenden Journal of Parapsychology auch nicht eine einzige Abbildung eines ASW-Perzeptes. Was man in der ASW (und der SW) bei Vorlage eines bestimmten Musters wirklich sieht, das ist Thema u. a. in diesem Teil des Buches. Noch eines: Wie ist das eigentlich - ich kenne mich mit statistischen Berechnungen noch nicht aus - wenn man, wie oben angegeben, mit zwei statt mit fünf Kärtchen arbeitet: kommt man dann nicht mit erheblich weniger Vorlagen zum gleichen statistischen Ergebnis, oder kommt man bei Zweierversuchen mit der gleichen Anzahl Vorlagen wie bei den Fünferversuchen nicht zu einer erheblich höheren statistischen Absicherung?
Auch die Trefferbewertung der Rhine-Nachfolger entspricht nicht dem heute möglichen wissenschaftlichen Standard. So wird versucht, die Unwägbarkeiten und Unsicherheiten der Trefferbewetung durch eine einzelne Person dadurch zu vermindern, dass man durch "demokratische" Mehrheitsvoten Bewertungskriterien bestimmt. Wenn man nun statt dieser, ebenfalls sehr subjektiver, Bewertungen eine objektive Bewertung vornimmt, werden die Ergebnisse erheblich besser wissenschaftlicher Kritik standhalten können. Wenn man also nicht nur das Auftreten einer einzigen Qualität ("Was drauf") oder einiger durch Konsens bestimmter Qualitäten als Treffer-Kriterien wählt, sondern alle diejenigen Klassen von Qualitäten (Formen) des außersinnlich visuell Erlebten definiert und auszählt, die gehäuft bei Vorlage des jeweiligen Targets auftreten, dann kommt es zum Beispiel zu den in Tab.1-1 angegebenen Werten (KH 1994c, S. 96). Hier wurden 11 Ähnlichkeitsklassen definiert. Von den 271 ASW-Perzepten des Zielobjekts "Ring mit Kreuz" konnten 80 einer dieser Klassen zugeordnet werden, das entspricht einer Trefferquote von 29,5%. Nun gab es bei Vorlage anderer Zielfiguren (von insgesamt 50) "zufällig" ebenfalls "Hellsehbilder", die den Ähnlichkeitskriterien des Zielobjekts "Ring mit Kreuz" entsprachen, allerdings unter 2.916 solcher Bilder nur 160, was einer "Trefferquote" von nur 5,49% entspricht. Die dem "Ring mit Kreuz" ähnlichen Hellsehbilder kamen bei Vorlage des "Ring mit Kreuz" also 5,4 mal so häufig vor wie bei Vorlage irgendanderer Zielfiguren. Bei zwei anderen Zielfiguren ergaben sich noch größere Häufungs- faktoren. Jedes der im gleichen Versuchszeitraum mit in etwa homogener Versuchspersonen-Gruppe gezeichneten 3.187 Hellsehbilder (KH 1992c) wurde daraufhin geprüft, ob es oder ob es nicht den Kriterien einer von insgesamt 27 Ähnlichkeitsklassen der drei untersuchten Zielobjekte genügt.
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Klasse |
XY |
XX |
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A. Kreuz |
30 |
13 |
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B. Kreuzarm |
14 |
6 |
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C. Kreis |
52 |
22 |
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D. Halbkreis |
9 |
4 |
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E.. Kreis mit Radien |
15 |
11 |
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F. Blattrosette |
10 |
6 |
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G. Kreis mit Punkt |
6 |
4 |
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H. Hut mit Stiel |
6 |
5 |
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I. Dreizack |
2 |
3 |
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K. Sanduhr |
9 |
4 |
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L. Quadrant |
7 |
2 |
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Summe |
160 |
80 |
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Gesamtzahl Hellsehbilder |
2.916 |
271 |
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Trefferquote |
(5,49) |
29,5 |
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Häufungsfaktor |
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5,4 |
Tab.1-1: Verteilung der Anzahl der "Treffer" bei Vorlage des Zielobjekts "Ring mit Kreuz" (XX)
und bei Vorlage eines anderen Objekts (XY) auf 11 definierte Ähnlichkeitsklassen des
"Ring mit Kreuz". (Nach KH 1994c, S.96)
Die Abb. 1-23 bis 1-26 zeigen, worin das Neue an der neuen Methode experimenteller ASW-Forschung besteht: Als "Treffer" wird nicht die Ähnlichkeit mit dem volldifferenziertem Perzept des Zielobjekts, wie es dem Laien erscheint, gewertet, sondern die Ähnlichkeit mit allen charakteristischen und überzufällig aufttretenden Teilperzepten, die in der sowohl in der ASW als auch in der SW zuvor genau studierten Aktualgenese und Aktuallyse dieses Objekts auftreten (KH 1994c). Die Ergebnisse mit dieser Methode können genauso gut statistischen Verfahren unterworfen werden wie die bisher verwendeten. Dabei werden allerdings weit höhere statistische Sicherheiten erreicht, als sie mit den bisher verwendeten Methoden möglich waren.
Schlussbetrachtung
In der Sinneswahrnehmung (SW) und der Außersinneswahrnehmung (ASW) werden die auf unterschiedliche Weise aus den Umweltobjekten aufgenommenen Informationen auf identische Weise verarbeitet. Die visuelle Informationsverarbeitung führt zu einer phänomenalen "Aktualgenese", d.h. zu einer stufenweisen Entwicklung und Differenzierung eines Perzepts, angefangen von einem im Anfang diffus- ganzheitlichen Gebilde über eine Reihe von Gestaltungen steigender Differenziertheit bis hin zum volldifferenzierten Perzept. Somit führen die aktualgenetischen und die zu ihnen gegenläufigen aktuallytischen Formgebungsprozesse der SW und der ASW zu einander gleichartigen Zwischenperzepten, so dass die mit unterschiedlichen Methoden gewonnenen SW-Perzepte und große Teile der mit unterschiedlichen Methoden gewonnenen ASW-Perzepte je unterschiedlicher Differenziertheit gleichen Klassen von Ähnlichkeit mit dem Zielobjekt zugeordnet werden können, und das, obwohl die Aufnahme der Informationen in SW und ASW völlig unterschiedlich ist.
Wenn man jedoch den mainstream der internationalen Wahrnehmungswissenschaft betrachtet, so muss man sich fragen:
Was soll man von einer Wissenschaft halten, die allen Anfechtungen zum Trotz diese ihre fundamentalen Fakten der Aktualgenese und Aktuallyse seit eh und je ignoriert hat?
Was soll man von einer Wissenschaft halten, in der personalintensive Vernichtung sowohl ihrer fundamentalen Fakten als auch einer diese Fakten plausibel beschreibenden und erklärenden Theorie nicht nur überhaupt möglich ist (KH 1992d), sondern von ihr auch seit ihrer Aufdeckung vor 20 Jahren einfach hingenommen wird?
Was soll man von einer Wissenschaft halten, die nicht einmal heute danach fragt, welche wissenschaftliche Bedeutung denn möglicherweise jene Fakten haben, deren Zerstörung vor acht Jahrzehnten begonnen hat und vor zwei Jahrzehnten offenkundig geworden ist?
Statt eine peinliche Antwort zu geben, wenden wir uns lieber einer Wahrnehmungs- wissenschaft zu, die seit 45 Jahren außerhalb des mainstream verlaufen ist.
Aus: Lothar Kleine-Horst (2004):
Der Anfang des nach-naturwissenschaftlichen Zeitalters.
Gedanken und Experimente
jenseits der Lehrmeinungen. Köln: Enane. (Teil 1, Kapitel IV.)
Zu Teil 2: Empiristische Theorie der Ontogenese und Aktualgenese visueller Perzepte