III. Formgleichheit von Sinnes- und Außersinnes-Perzepten des gleichen Objekts

 

1. Aktualgenesen und Aktuallysen negativer Nachbilder
des "Ring mit Kreuz"

Oben (Kap. I) wurde bereits die Nachbild-Methode zur Erzeugung von Aktualgenesen und -lysen beschrieben. Die in diesem Kapitel gezeigten Nachbilder (NN) sind solche des Versuchsmusters "Ring mit Kreuz" (Abb. 1-17). Dieses Muster hatte einen Außendurchmesser von 40 mm und eine Strichbreite von 3 mm.

Abb. 1-17. Versuchsobjekt "Ring mit Kreuz"
(nach KH 1989 und 1994c)

Insgesamt sieben unausgewählte Personen sowie Verf. hatten als Versuchspersonen (Vp) das Schwarz-Weiß-Muster "Ring mit Kreuz" zunächst ca 15 Sek. lang an einem vom Versuchsleiter (dem Verf.) vorgegebenen Blickpunkt möglichst starr zu fixieren. Unmittelbar danach war ein Bleistift-Punkt auf einem weißen Blatt Papier zu fixieren. Hierbei entstanden mehrere Negative Nachbilder des Originals in gleicher und unterschiedlicher Form. Die Vpn sollte jedes neue, bisher noch nicht erschienene, NN genau aufzeichnen, und zwar in eines der Felder des ihnen übergebenen Zeichenblattes. Mögliche Blickpunkte bei der Fixierung des Originals waren das Kreuzzentrum, die Mitte eines Quadranten und eine Stelle außerhalb des Musters direkt unterhalb des vertikalen Keuzbalkens. Die Vpn hatten zum einen die Aufgabe, das NN des Musters in ein Feld eines Zeichenblattes zu zeichnen und die Stelle, auf die der Blick gerichtet war ("Blickpunkt"), mit einem kleines Kreuzchen anzugeben. Zum anderen sollten sie, soweit möglich, die Felder aufeinanderfolgender NN durch einen Pfeil verbinden, so die unmittelbare Abfolge der NN kennzeichnend.  

Abb. 1-18. Reine Aktuallysen negativer Nachbilder des Musters "Ring mit Kreuz"

Von den acht Vpn wurden insgesamt 72 unterschiedliche NN vom Muster "Ring mit Kreuz" erzeugt und aufgezeichnet. Die im gezeichneten NN als Blickpunkt im NN angekreuzte Stelle entsprach stets dem vorgegebenen Blickpunkt bei der Fixierung des Originals.

Die Abnahme der Helligkeit der hellen Teile des NN war mit einer Ent-Differenzierung des NN ("Aktuallyse") verbunden, während eine Zunahme der Helligkeit von einer Differenzierung ("Aktualgenese") begleitet war. Da bei der Produktion von NN aktuallytische Vorgänge gegenüber aktualgenetischen Vorgängen etwas überrepräsentiert sind, führt der Gesamtprozess des dynamischen Ineinanderübergehens unterschiedlicher Formen - oft über eine ganz undifferenzierte helle Fläche (Abb.1-18 D+G) - schließlich zum Verschwinden des Nachbilds. Häufig alternieren zwei Gestaltungen miteinander, d.h. es treten Formteile auf, die beim vorhergehenden NN gefehlt haben, während umgekehrt beim vorhergendenden NN vorhandene Formteile nunmehr ausfallen (Abb.1-19). Abb. 1-20 zeigt Reihen von Formen, die durch einen Wechsel von aktualgenetischen und -lytischen Nachbildprozessen gekennzeichnet sind. Die in Abb. 1-18 bis 1-20 abgebildeten Reihen durch Pfeile verbundener NN sind nicht unbedingt auch als solche vollständigen Reihen beobachtet worden, sie stellen jedoch tatsächlich irgendwann beobachtete aktualgenetische und aktuallytische Verläufe dar. In diesen und den nächsten Abbildungen bedeutet eine Schraffur, dass der betreffende Figurteil nicht mit relativ großer Helligkeit (hier: schwarz) oder großer Dunkelheit (hier: weiß) gesehen wurde, sondern in einer Graustufe, die durch "Vermischung" bzw. "Ineinanderfließen" von Helligkeit und Dunkelheit benachbarter Stellen entsteht

 

2. Stabilisierte Netzhautbilder des "Ring mit Kreuz"

Negative Nachbilder können als eine "Erholungsphase" des visuellen Systems angesehen werden, nachdem sich ein Retinabild besonders stark dem visuellen System eingeprägt, sich ihm sozusagen "eingebrannt", hat; es kann als ein "natürlich stabilisiertes Netzhautbild" angesehen werden. In den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurden Netzhautbilder auch "künstlich stabilisiert", und es gab quantitative Untersuchungen über die Anzahl der sich hierbei einstellenden perzeptiven Ausfälle der ganzen Form oder Teilen von ihr (Pritchard, Heron, Hebb 1960). Mit Hilfe eines stabilisierenden Augenlinsensystem (Evans und Piggins 1963), aber auch mit Hilfe intermittierender Beleuchtung des Objekts (Piggins 1970) konnte der das Perzept instabilisierende Einfluss der physiologischen nystagmischen Augenbewegungen ausgeschlossen werden. Die optische Projektion eines wahrgenommenen Objekts, auch wenn man dieses starr zu fixieren meint, wischt immer etwas über die Netzhaut hin- und her ("physiologischer Nystagmus"). Der Nystagmus ist notwendig, um ein Objekt längere Zeit in gleicher Form wahrnehmen zu können; denn ein stabilisiertes Netzhautbild führt zu einem "Zerfall" seiner Form, wie wir es soeben an den negativen Nachbildern gesehen haben. Bei intermittierender, d.h. in schnellem Wechsel und jeweils nur kurzzeitig erfolgender, Beleuchtung des Objekts befindet sich dieses in jeder Beleuchtungsphase auf der gleichen Stelle der Retina, so dass auch in diesem Falle von einem "stabilen Netzhautbild" gesprochen werden kann, das sich allmählich auflöst (eine fünfte bzw. sechste Methode, experimentell Aktuallysen oder zwischendurch Aktualgenesen zu provozieren). Abb. 1-17 zeigt das von den o.a. Autoren (wie auch in dieser Studie) benutzte Versuchsmuster "Ring mit Kreuz" (vielleicht waren die Konturen bei ihnen dünner). Abb. 1-21 zeigt die von den Versuchspersonen dieser Autoren gezeichneten Teilperzepte des Musters. Die mit "1" gekennzeichneten Bilder stammen von Evans und Piggins 1963), die mit "2" gekennzeichneten von Piggins (1970).

Die meisten der in Abb. 1-21 abgebildeten Perzepte finden sich auch unter den in den Abb. 1-23 und 1-25 als Negative Nachbilder wieder. Aber weder Evans noch Piggins oder andere Autoren haben je die Fraktionierung der Perzepte mit den von ihnen gefundenen Methoden systematisch untersucht.

Abb.1-21. Mit apparativ stabilisierten Netzhautbildern (1) und intermittierender
Beleuchtung (2) erzeugte Perzepte des Muster "Ring mit Kreuz".

 

3. Aktualgenesen und Aktuallysen von ASW-Perzepten des
"Ring mit Kreuz"

Die ASW-Methode

Die Verarbeitung der ASW-Informationen erfolgt nach völlig gleichem Muster wie die der SW-Informationen, wenngleich beide Arten von Informationen auf andere Weise aufgenommen worden sind; es gibt keine Anzeichen irgendeines Unterschiedes zwischen der Entstehung der Formen von ASW-Perzepten und der Entstehung der Formen von SW-Perzepten. Die Strukturgleichheit von SW- und ASW-Perzepten des gleichen Objekts wird durch die Gleichheit der aktualgenetischen und aktuallytischen Verläufe bewiesen. Abb. 1-22 zeigt vier aktualgenetische bzw. aktuallytische Verläufe von ASW-Perzepten des "Ring mit Kreuz".

Die Reihe in Abb. 1-22 A beginnt mit der Allerweltsfigur (a), mit der der Kreisring der Zielfigur als "formlose Kreisscheibe" erfasst wird (die oft nur als dünne Kreislinie gezeichnet wird). Dann entsteht ein neues und ganz anderes Perzept; denn das "Hellsehbild" b der Versuchsnummer 341 ist nicht eine Fortentwicklung von a; es stellt vielmehr eine Teilstruktur aus dem Innern des Kreisrings dar: einen Kreuzbalken oder Kreuzarm (man kann das auf Grund der Größe nicht entscheiden). Eine Aufklärung gibt c: es war wahrscheinlich ein Kreuzarm, dem sich nun ein zweiter zugesellt, mit einem Ende winklig an ein Ende des zuerst erschienenen Kreuzarms angelehnt. Gestaltung d ist ein in der Differenzierung weit vorgeschrittenes Wahrnehmungsstadium: die Peripherie ist objektadäquat doppel- konturig ausgebildet, der zentrale Teil besteht aus radiär angeordneten und doppelkonturigen "Radspeichen", die den Kreisring mit der (vergrößerten) "Radachse" verbinden. Radienvermehrung (hier von vier auf sechs) und Mittelpunktvergrößerung sind die einzigen (bei ihrer Bewertung nicht sonderlich ins Gewicht fallenden) Abweichungen des Hellsehbildes von der Objektadäquatheit. Eine De-Aktualisierung peripherer Teile erfolgt oft dann, wenn zentrale Teile in Erscheinung treten, wie schon in der Wohlfahrt-Reihe (Abb. 1-1) gezeigt. Auch in der Aktualgenese A verschwindet ja das periphere Gebilde "Kreisring", sobald ein Kreuzarm auftaucht und bleibt beim Inerscheinungtreten des zweiten Arms verschwunden. Umgekehrt wird der zentrale Teil weniger veridikal gesehen, wenn der periphere mehr Aufmerksamkeit erhält und daher differenzierter wahrgenommen wird; denn als die volldifferenzierte Ring-Peripherie in d wieder in Erscheinung tritt, wird die zentrale Ansatzstelle der Arme in nicht-objektadäquater Breite wahrgenommen und abgebildet. 

Abb. 1-22. Vp-Zeichnungen von vier aktualgenetisch/aktuallytischen Reihen von ASW-Perzepten des "Ring mit Kreuz" (KH 1989, S. 34-36)

Abb.1- 22 B zeigt eine ganz anders verlaufende Aktualgenese, sie beginnt ebenfalls mit der "Urmutter" aller geformten Figuren, der Kreisscheibe (a), die dann aber in einen Kreisring übergeht (b). Interessanterweise sind im c-Stadium nicht die Radien zu sehen, sondern nur ihr Kreuzungspunkt, doch dieser ziemlich genau in der Mitte. Dieser Mittelpunkt ist in der Wahrnehmung dadurch herausgehoben, dass er "doppeltbesetzt" ist, einmal durch den vertikalen, den ganzen Durchmesser durchziehenden Balken, dann auch durch den horizontalen Balken. Da mit Inerscheinungtreten dieses "Punkts" die Aufmerksamkeit auf ihn gezogen, also von der Peripherie abgezogen, wird, wird der peripher liegende Kreisring etwas dünner, bleibt aber noch ein (doppelkonturiger) Ring. In d ist die in diesem Versuch höchste Objektadäquatheit erreicht, die in e wieder etwas zurückgeht (Vergl. B d+e mit A d).

Abb. 1-22 C gibt eine eindrucksvolle ASW-Reihe wieder: Betonung der Peripherie in a mit volldifferenziertem Kreisring, während sich die zentralen Strukturen nur angedeutet zeigen: als einkonturige Kreuzarmansätze. In b vervollständigt und verselbständigt sich das Kreuz, während sich der Ring zur Kreisscheibe entdifferenziert. Auch hier das Alternieren der Aufmerksamkeit zwischen Zentrum und Peripherie. In c konzentriert sich die Aufmerksamkeit auf einen Quadranten, während die übrigen drei Viertel der Figur nur angedeutet sind. Deutlich sind noch Teile des Kreuzes von b zu sehen. Die Vp erklärt: "Dahinten geht es weiter" und zeichnet mit Punktlinien das, was sie so genau nicht wahrnehmen kann: es ist der Rest des Kreisrings, und zwischen soliden und gepunkteten Ringteilen lässt die Vp eine Lücke. Dieser Lücke entspricht je ein Kreuzzarm von gewisser Breite, von dem die dem voll wahrgenommenen Figur-Quadranten zugewandte Grenzkontur des Rings zum Kreuzarm mit wahrgenommen wird.

Abb.1- 22 D zeigt eine wieder ganz anders gestaltete aktualgenetische Reihe. In a gibt es vier Bruchstücke aus dem Kreis(ring), zweimal ein- und zweimal doppelkonturig ausgebildet, vier insgesamt, entsprechend der Vierzahl der Kreuzarme bzw. Quadranten. Das Kreuzchen in der Mitte gab die Vp auf Befragen als Kennzeichnung des Blickpunktes an, es ist also nicht etwa das Kreuz der Versuchsfigur. Damit wird auch die Raute mit kleinen Kreisen in b deutbar: sie ist einer der Quadranten, dessen eines "Loch" in ihm sich vervielfacht hat. Wie schon erwähnt, kommen solche Vermehrungen, oft nur Verdoppelungen, in der ASW häufig vor. Die genaue Anzahl gleicher Strukturen zu erfassen ist in der ASW außerordentlich schwierig und deshalb, wenn sie veridikal detektiert wird, als besonders hohe ASW-Leistung zu bewerten. 

Abb. 1-23. Verteilung von 72 negativen Nachbildern des "Ring mit Kreuz"
auf elf Ähnlichkeitsklassen (1.Teil)

 

Abb. 1-24. Verteilung von 119 "Hellsehbildern" des "Ring mit Kreuz"
auf elf Ähnlichkeitsklassen (1.Teil)

 

Abb. 1-25. Verteilung von 72 negativen Nachbildern des "Ring mit Kreuz"
auf elf Ähnlichkeitsklassen (2.Teil)

Abb. 1-26. Verteilung von 119 "Hellsehbildern" des "Ring mit Kreuz"
auf elf Ähnlichkeitsklassen (2.Teil)
 

Nach der Produktion dieses exzentrischen Hellsehbildes trotz zentrischem Blickpunkt wieder zwei zentrische Hellsehbilder bis hin zu einer Hochleistung in d. (Das Hakenkreuz in c hat - mit durchgehender Strichführung - eine Vp auch als Negatives Nachbild des "Ring mit Kreuz" produziert, allerdings mit gerundeten Balkenfortsätzen (Abb. 1-25 K5).

Eine letzte Aktualgenese noch: Im Versuch Nr. 280 zeichnete eine Vp u.a. einen Kirchturm.  Als ich nach dem Versuch (und vor Offenlegen des gedrucktenn Versuchsobjekts) die Bilder ansah, fiel mir sofort die Kirchturmuhr auf, und ich fragte die Vp, was sie vom Kirchturm zuerst gesehen habe. "Die Uhr". Was von der Uhr? "Das Ziffernblatt". Danach? "Die Zwölf und die Sechs, danach die Neun und die Drei, danach die Zwischenziffern". Die von mir gezeichneten schematischen Zeichnungen 280 h1 (Abb. 1-4 D) und 280 h2 bis h4 (Abb. 1-24 B) zeigen den verbal beschriebenen aktualgenetischen Verlauf. In der Reihenfolge, in der die Ziffernstriche erschienen, kommt das aus der SW als "Anisotropie des Raumes" bekannte Gesetz zur Geltung, nach dem vertikal ausgerichtete Strukturen öfter bzw. früher in Erscheinung treten als horizontal ausgerichtete und diese wiederum öfter und früher als "schräge". Dem entspricht in der Aktualgenese das frühere Auftreten und in der Aktuallyse das Längerbestehenbleiben der vertikalen gegenüber den horizontalen und dieser gegenüber den schrägen Orientierungen. Die "Turmuhr" ist zugleich ein gutes Beispiel dafür, wie man durch Exploration einer Vp oder durch Mitverfolgen des Entstehens eines Bildes sehr viel an wichtiger Information herausholen kann; die meisten Bilder entstanden allerdings in kleinen Gruppen, so dass Einzelexplorationen nur ausnahmsweise möglich waren, und ich nur auswerten konnte, was nachher als fertige Zeichnung abgegeben wurde. Hilfreich war natürlich trotzdem der öfter wiederholte Hinweis, jedes einzelne Bild gesondert zu zeichnen. So wurde vom Versuchsteilnehmer die Aktualgenese des Versuchs 341 (Abb. 1-22 A) erst auf Befragen erinnert: anfangs hatte er alle Stadien in einem unanalysierbaren Linienknäuel vermischt. So ein "komisches Gebilde" hatte ich dem mir als "guten" Hellseher bekannten Versuchsteilnehmer nicht "glauben" wollen, und ich ließ ihn meinen Unglauben wissen, woraufhin er aus der Erinnerung die einzelnen Phasen der schönen Aktualgenese nebeneinander zeichnete.

 

4. Zuordnung von negativen Nachbilder und ASW-Perzepten
des gleichen Objekts ("Ring mit Kreuz") zu gleichen Ähnlichkeitsklassen

Anders als im Falle Negativer Nachbilder (NN) kommen in der ASW Reihen aufeinanderfolgender Perzepte, die durch aktualgenetisch-aktuallytische Verände- rungen gekennzeichnet sind, in der Regel selten vor (zumindest bei unausgewählten Vpn und in "normalem" Wachzustand). Meistens "stehen" die Hellsehbilder eine Weile da und verschwinden dann. 119 solcher einzelner Hellsehbilder des "Ring mit Kreuz" sind in Abb. 1-24 und 1-26 abgebildet. Sie sind den gleichen Ähnlichkeitsklassen zugeordnet wie die 72 NN der Zielfigur in Abb. 1-23 und 1-25. Diese Ähnlichkeitsklassen entsprechen nicht genau denjenigen, die früher anderswo (KH 1994c) angegeben worden sind. Aber sie alle finden sich hier wieder und nur einige noch dazu. Folgende Beziehungen lassen sich herstellen:

Klasse A und B enthalten die unten in Tab.1-1 aufgeführte Klasse "Kreis mit Radien", C entspricht der Klasse "Kreis mit Punkt", D der Klasse "Kreis" E wurde hinzugefügt, weil sich einige Dreiviertel-Figuren unter den NN befanden. In meinem gesamten Material von ASW-Bildern dieses Objekts habe ich nur ganz am Anfang zwei Hellsehbilder entdeckt, die ich einer solche Klasse hätte zuordnen können. Andere - gebogen-wurstförmige - Gestaltungen konnte ich nicht als "3/4-Figuren" anerkennen. Klasse F enthält die früheren Klassen "Halbkreis", "Hut mit Stiel" und "Dreizack", G: Sanduhr, H: Quadrant. J ist neu: Dreiecke, die sich aus den Quadranten herleiten. (Ich hatte diese Dreiecke früher glatt übersehen und für sie keine gesonderten Ähnlichkeitskriterien definiert); K: Kreuz, L: Kreuzarm/balken. Weil diese Zusammen- stellung vor allem Demonstrationzwecken dient, habe ich hier und da ein Hellsehbild hinzugegeben, das den früher für die Kennzeichnung einer Ähnlichkeitsklasse definierten Ähnlichkeitskriterien nicht ganz entspricht. Ohnehin sind die Zuordnungen zuweilen schwierig, sei es, dass man sich über die Definition der Gestaltung nicht klar ist, sei es, dass man nicht sicher ist, ob man ein Bild dieser oder doch lieber jener Klasse zuordnen sollte. So könnte man das NN J1 der Klasse H zuordnen, weil es durch Begradigung des Bogens aus dem Quadrantenbild H 5 entstanden gedacht werden kann. Aber schließlich sind alle Dreiecke aus Quadranten entstanden. In KH 1994c wurden Ähnlichkeitsklassen für drei Targets tatsächlich definiert, und es wurde die Anzahl der "Treffer" sowohl für das Target als auch für die jeweils ca. 3.000 Nicht-Targets (veröffentlicht in KH 1992c) ausgezählt.

Die 72 NN konnten in den Abb. 1-23 und 1-25 je einer von elf Ähnlichkeitsklassen zugeordnet werden. Diese werden im nächsten Abschnitt im Zusammenhang mit den zum Vergleich abgebildeten Hellsehbildern derselben Zielfigur näher besprochen. Als nicht-unterschiedlich galten Gestaltungen, die sich nur als Bild und Spiegelbild voneinander unterscheiden. Die Feststellung z. B. der relativen Häufigkeit des Auftretens bestimmter Gestaltungen ist zwar möglich, war in der Untersuchung aber nicht beabsichtigt. Für eine solche Auszählung, wenn man ihre Ergebnisse ernst nehmen soll, ist ohnehin die Ermittlung der auszählbaren Qualitäten (der Ganz-Gestaltungen oder/und ihrer Einzelmerkmale) die Voraussetzung. Eine systematische Studie der Phänomenologie von NN hat es bisher nicht gegeben. Nicht einmal die hier abgebildeten 72 NN stellen die gesamte Menge möglicher unterschiedlicher NN allein dieses speziellen Musters dar. Von seinen insgesamt 72 unterschiedlichen NN sind nur 26 von wenigstens zwei Vpn gezeichnet wurden. 46 NN sind nur von einer einzigen Vp. gezeichnet worden, davon 26 durch Verf., 8 durch K.A. und 12 durch eine der sechs anderen Vpn., die im übrigen nur kurze Zeit an den Versuchen teilnahmen. (Verf. war die einzige in Beobachtung geübte Vp; ihm war es daher besonders gut möglich, Helligkeitsstufen zu unterscheiden und somit NN mit Feldvergrauung zu beobachten.) Diese Zahlen lassen annehmen, dass bei Fortführung der Versuche durch dieselben und andere Vpn noch viele weitere neue NN-Gestaltungen auftauchen werden, ehe jede Gestaltung wenigstens einmal durch eine zweite Vpn bestätigt worden ist.

Aus der Tatsache, dass sowohl NN als auch "Hellsehbilder" des gleichen Objekts den gleichen Ähnlichkeitsklassen zugeordnet werden können, geht besonders eindringlich die Gleichheit der Verarbeitung von SW- und ASW-Informationen hervor.  

 

5. Die ähnlichkeitsrelevanten Strukturen des
"Ring mit Kreuz"

Ein weiterer Beweis für die Gleichheit der Verarbeitung von visuellen SW- und ASW- Informationen, ist darin zu sehen, dass sich die Ähnlichkeitsklassen problemlos aus der Struktur des Objekts herleiten lassen, zum einen aus dem Objekt als ganzem, dann auch aus Teilen von ihm. Dies zeigt Abb. 1-27.

Abb. 1-27. Elf Ähnlichkeitsklassen des "Ring mit Kreuz" zur Klassifizierung sowohl von negativen Nachbildern der Sinneswahrnehmung als auch von Perzepten der Außersinneswahrnehmung

Diese etwas ausführlicheren Erläuterungen zur Übereinstimmung im Entstehen und Vergehen visueller SW- und ASW-Perzeptgestaltungen erschienen mir notwendig in Anbetracht der erstaunlichen Vernachlässigung der phänomenologischen Deskription visueller Perzepte bereits in der Normalwissenschaft. Um so wichtiger ist es, auf zwei deutsche Parapsychologen hinzuweisen, die die Bedeutung der aktualgenetischen Vorgänge bei der Sinnesperzeption für das Verständnis der Gestaltung der Außersinnes-Perzepte sehr deutlich erkannt haben. Es ist weder ein Zufall, dass es Deutsche waren, noch ein Zufall, dass der erste von ihnen sofort nach Veröffentlichung von Wohlfahrts Dissertation von 1925 (Wohlfahrt 1932) die Bedeutung der Aktualgenese für die ASW-Forschung erkannte. Hans Bender (1935) folgerte aus seiner eigenen Untersuchung der ASW von Buchstaben:

"Das für die Normalpsychologie überraschendste Ergebnis ... ist der Nachweis, dass sich genetische Prozesse der Formwerdung und Durchgliederung, die für die Struktur des sinnlichen Auffassens im allgemeinen, hier für die optische Sphäre im besonderen, typisch sind, auch bei einem Wahrnehmungsvorgang zeigen, der sich außerhalb der uns bekannten Sinnesorgane vollzieht" (S.118f).

Und er nimmt angesichts spezifischer Frühphasen in der ASW an, dass diese "zur spontanen Aktualgenese des Gestalterlebens beim 'Hellsehen' gehören" (S.120). Benders Amtsnachfolger im Freiburger Institut, John Mischo (1976), wies sowohl auf diese Arbeit von Bender als auch auf den viel zitierten Kongressbericht Sanders (1928) über Gestaltpsychologie hin, in der Sander erstmals über die aktualgenetischen Untersuchungen in seinem Institut Mitteilung machte. Mischo betrachtete auch die aktualgenetisch-dynamischen Verläufe der ASW bei Tischner (1920) und in früheren Arbeiten von Ryzl und kam zu dem Schluss:

"Es hat ...den Anschein, als könne uns nunmehr durch systematische Weiterführung der qualitativen Versuche, aus der Analyse des Zustandekommens und des allmählichen Aufbaus der außersinnlichen Erfahrung ein weit größerer Erkenntnisgewinn erwachsen. Vielleicht wäre es gut, wenn sich manche Parapsychologen dazu entschließen könnten, nicht mehr ängstlich die Existenz ihres Forschungsgegenstandes zu beweisen,....[sondern] dem Phänomen selbst, seiner Genese und seiner spezifischen Struktureigentümlichkeit größere Aufmerksamkeit zu schenken" (Mischo 1976, S. 240).

Leider haben weder Bender noch Mischo noch andere die Aktualgenese der visuellen ASW weiter untersucht.


Aus: Lothar Kleine-Horst (2004): Der Anfang des nach-naturwissenschaftlichen Zeitalters.
Gedanken und Experimente jenseits der Lehrmeinungen. Köln: Enane. (Teil 1, Kapitel III.)

Zu Kap. IV: Phantasie und Zahlen

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