II. Aktualgenesen in der visuellen Außersinnes-Wahrnehmung (ASW) 

1. Zur Phänomenologie der visuellen ASW

Es zeigt sich, dass die von außen kommenden optischen Informationen auf völlig gleiche Weise "verarbeitet" werden, gleichgültig, ob sie "sinnlich", d. h. über die Augen, vermittelt werden ("Sinneswahrnehmung") oder "außersinnlich", d.h. ohne Vermittlung der Augen ("Außersinneswahrnehmung"). Der mainstream der Wissenschaft befasst sich intensiv mit der Sinneswahrnehmung, während die Außersinnes-Wahrnehmung nicht in ihrem Themenkatalog verzeichnet ist - gemäß dem klassischen naturwissenschaftlichen Weltbild, nach dem es "sowas nicht geben kann".

In der Außersinnlichen Wahrnehmung (ASW) erleben wir keine anderen visuellen Qualitäten als in der Sinneswahrnehmung (SW). Wir erleben also nichts anderes als Helligkeiten und Farben: dieselben Helligkeiten und Farben, die uns aus der Sinneswahrnehmung bekannt sind. Die Übereinstimmung von ASW und SW geht noch weiter; sie bezieht sich auch auf die Gestaltqualitäten. Ich habe bei meinen Hellsehversuchen noch keine Gestaltqualität entdeckt, die mir nicht aus dem Studium der Sinneswahrnehmung her bekannt gewesen wäre. Mit anderen Worten: die ASW-Bilder entstehen mit Hilfe derselben Gestaltfaktoren in derselben hierarchischen Anordnung, die auch die Sinnesperzepte entstehen lassen. Wie wir unter ASW-Bedingungen die Informationen über Objekte der Außenwelt erhalten, ist völlig unbekannt; denn die ASW-Versuche finden unter Bedingungen statt, in denen die Versuchsperson (Vp) über das Target (Zielobjekt) auf "normalem" Wege, d.h. letztlich über seine Sinnesorgane, keine Kenntnis erhalten kann, es auch nicht erschließen oder erraten kann.

Man unterscheidet gewöhnlich drei Arten von ASW: "Hellsehen" ist die ASW eines gegenwärtigen Ereignisses oder Gegenstandes; "Präkognition" ist die ASW eines erst in der Zukunft stattfindenden Ereignisses; "Telepathie" ist die ASW von subjektiven Zuständen einer anderen Person, das Erfassen z.B. seiner Gefühle, Wahrnehmungen, Vorstellungen, Gedanken ("Gedankenlesen"). Diese Unterteilung ermangelt der Logik. Ich unterscheide daher nur Hellsehen und Telepathie und fasse Präkognition als ihre zeitlichen Varianten auf.

 

2. Ring, Quadrat, Stern, Schere: Verbale Beschreibung
der ASW-Perzepte unter Hypnose (Ryzl)

Ryzl (1982) hat ASW-Versuche unter Hypnose der Vp. angestellt. Eine dieser Vpn beschrieb bei Vorlage einer Karte, auf deren Unterseite sich ein Kreisring befand, die ihr erscheinenden Heilsehbilder so (S. 30):

"Ein Stück weißes Papier.. .mit einem kreisförmigen dunklen Flecken in der Mitte..." (1-8 a)
"In diesem Flecken ist in der Mitte wieder ein weißes Feld." (1-8b)

So etwa wie in Abb. 1-8a und b würden die beschriebenen Perzepte ausgesehen haben. Da es sich aber bei dem Vorlageobjekt um einen Ring mit schmalerer Kontur gehandelt hat (es war der "Ring" einer in der ASW-Forschung häufig benutzten sogen. "Zener-Karte"), ist anzunehmen, dass das nächste Perzept wie c ausgesehen hat. (Alle Zeichnungen dieses Kapitels stammen vom Verf., da Ryzl's Vpn ihre Perzepte nur verbal beschrieben haben.) 

Abb. 1-8. Aktualgenese eines Rings

Abb. 1-9. Aktualgenese eines Quadrats

Abb. 1-10. Erläuterung
zu Abb. 1-9

Bei Vorlage der Zenerkarte mit einem Quadrat auf der Unterseite berichtet die Vp. (Hierzu meine Zeichnungen in Abb.1-9):

- "Das schwarze Ding ist wie zwei Linien, wie der Ansatz zu eine Pyramide... zwei senkrecht zueinander stehende Linien... Das andere Ende dieser beiden Linien liegt im Nebel." (a)
- "Vielleicht sieht es dort genauso aus..." (unter "genauso" verstehe ich, dass an beiden Enden ebenfalls Linien ansetzen) (b)
- "...,ja, nun bin ich mir sicher. Es ist symmetrisch,...Die Linien sind ziemlich dick und scheinen ein Viereck zu bilden...Jetzt erkenne ich es ganz genau als Viereck." (c) (S. 30)

Im Falle des Quadrates kann man annehmen, dass der Hellsehblick nicht auf dessen Mitte gerichtet war, sondern auf die obere Ecke des Quadrates, Abb. 1-10 zeigt, wie bei konzentrischer Erweiterung des ASW-Blickfeldes (und damit des Aufmerksamkeits-Umfangs von a über b nach c) die berichteten Wahrnehmungen entstanden zu denken sind.

Abb. 1-11 zeigt den idealtypischen Verlauf der Perzeptentwicklung eines fünfzackigen Sterns; er geht konform mit den Erwartungen aus der ETVG wie auch mit einem verbalen Wahrnehmungsbericht beim Hellsehen (Ryzl, 1982, S.30):

 

Abb.1-11. Aktualgenese eines Stern-Perzepts

- "Etwas Helles, ein Stück weißes Papier..." (dieses ebenfalls begrenzte Umfeld des Sterns zeichne ich hier nicht mit)
- "Darauf ist in der Mitte etwas Dunkles, das ich nicht erkennen kann..." (a)
- "Eine Art geometrische Figur" (b)
- "sie ist im Mittelfeld hell..." (c)
- "Ein Stern mit etwa sechs Strahlen, aber ich kann die Strahlen nicht deutlich sehen..." (d )
- "Da ist noch eine Spitze, gerade von mir entfernt.. Der Stern hat fünf Strahlen." (e)

Dass zunächst (oder vorübergehend) sechs Strahlen gesehen wurden, entspricht gestaltpsychologischen Prinzipien: der kleine Fehler in der Anzahl der Strahlen ist relativ unbedeutend für unser Wahrnehmungssystem. Die Wahrnehmung von 6 statt 5 Strahlen hat aber einen großen "Vorteil": das Wahrgenommene ist symmetrischer; ein Sechseck hat 6, ein Fünfeck nur 5 Symmetrieachsen. Hinzu kommt, dass beim Sechseck bzw. beim sechszackigen Stern dreimal je zwei Symmetrieachsen aufeinander senkrecht stehen. Hier wirken sich die formbildenden "Kräfte" von drei ETVG-Gestaltfaktoren aus: Geradlinigkeit, Maßgleichheit und Rechtwinkligkeit, durch die die Symmetrie gebildet wird.

Ryzl (1982) ließ auch eine Schere hellsehen. Seine Vp. stand ebenfalls unter Hypnose und "sollte durch ASW eine eiserne Schere erkennen, die vor ihr, hinter einem undurchsichtigen Schirm, lag Die Schere hatte einen schwachen metallischen Glanz und war ein wenig geöffnet." Der Versuchsperson S. K. erschien, wie der Autor S. 28 berichtete (siehe hierzu Abb. 1-12):

- "ein spitzer und ein stumpfer Winkel. Aber, so erklärte sie, sie sei unfähig gewesen, die Farbe oder die Winkel einander räumlich zuzuordnen." (a)
- "Dann wurden die spitzen Winkel deutlicher sichtbar. Sie bemerkte, dass zwei spitze Winkel vorhanden waren, die mit ihren Spitzen aufeinander zuliefen. Doch berührten sie sich nicht, sondern blieben durch einen kurzen Abstand voneinander getrennt" (b).
- "Das metallische Grau wurde in dem Bereich längs der beiden stumpfen Winkel lokalisiert." (c).
- "Das Ganze habe sie, so erklärte Fräulein S.K., an zwei gekreuzte Zeichenstifte erinnert. Sie fuhr fort: ,Wenn ich eben sagte, es sehe aus wie zwei gekreuzte Zeichenstifte, so habe ich jetzt den Eindruck, dass es in Wirklichkeit etwas ist, bei dem ein Teil den andern kreuzt, aber es sind sicher keine Bleistifte... Die von mir entfernt liegenden Enden sind spitz, aber die zu mir hin liegende Seite ist mir nicht klar. Ich sehe sie noch nicht deutlich genug..." (d)
- "Es kommt mir vor, als ragten hier zwei Kreise aus einem dicken Nebel heraus....Es ist eine Schere." (e)

 

Abb.1-12. Aktualgenese des ASW-Perzepts einer Schere in einem
Hypnose-Experiment von Ryzl (1982)

 

3. Geige, Schere: verbale Beschreibung durch Sensitive (Tischner)

Eine weitere schöne Aktualgenese, deren verbale Beschreibung durch die Vp. von Tischner (1920) berichtet wird, und deren zeichnerische !nterpretation von mir stammt, zeigt Abb.1-13. Dieses Mal erfolgt keine Aufhellung von innen, denn es handelt sich ja nicht um eine etwa ringförmige, sondem um eine "ausgefüllte" Figur: eine Geige. Hinter den einzelnen Teilen des Wahrnehmungsberichtes wird wieder auf die entsprechende Zeichnung verwiesen:

 

Abb. 1-13. Aktualgenese des ASW-Perzepts einer Geige in einem Versuch
von Tischner (1920) mit einer "Sensitiven"

- "Kommt mir klein vor - länglich rund - abgetönt in der Farbe... Die Farbe ist rötlich - gelblich, die Form an die eines Eies erinnernd, wie eine längliche Kugel - eiförmig - abgetönt gelblich rötlich, wie ein Ball, aber ein Ball ist es nicht." (a)
- "Wie ein gefärbtes Ei, aber oben ein dunkles Pünktchen darauf." (b)
- "Jetzt sieht es aus wie eine Frucht, ich würde es für eine Birne halten, dann wird es aber wieder so lang." (c)
- "Jetzt sehe ich etwas leuchtend Rotes. . . Jetzt wird es ganz dunkel. - Etwas Langes und unten ein Stiel, der sich rumdreht. Jetzt wird's groß. Was kann es denn nur sein?" (d)
- "Es ist noch größer geworden, und ich sehe jetzt helle Striche darauf. Es sieht aus, wie wenn es aus dunklem Holz wäre." (e)
- "Unten ist es rundlich, dann kommt ein langer Stiel und oben ist es so gebogen wie ein Schneckchen. - Jetzt wird es, als ob es eine Geige wäre. - Es muss eine Geige sein. Es sieht wie eine Geige aus." (f) (S.22)

Man findet in der Literatur einige wenige, dafür um so instruktivere, Beispiele von aktualgenetischen Entwicklungsreihen in der ASW. So ließ auch Rudolf Tischner eine "Sensitive", Frl. v. B., eine Schere "sehen", die sie mit den Augen nicht sehen konnte. Leider bildete auch Tischner die Schere nicht ab und ließ vor allem seine Sensitive das von ihr Wahrgenommene nicht aufzeichnen; er ließ sie das Gesehene lediglich verbal beschreiben. Auch diese Zeichnungen stammen von mir. Hätte die jeweilige Versuchsperson das Wahrgenommene gezeichnet, würde wahrscheinlich dies und jenes anders gezeichnet worden sein, als es jetzt durch mich geschehen ist. Diese Unbestimmtheit müssen wir auch in diesem Fall eines verbalen ASW-Berichts leider in Kauf nehmen, um die aktualgenetischen Entwicklung der ASW-Perzepte etwas anschaulicher verfolgen zu können.

Bei Tischners als "Telepathieversuche" bezeichneten ASW-Experimenten war Frl.v.B. die "Perzipientin", und Dr.v.Wasielewski war der "Agent". (Letzterer berichtete später ebenfalls über diese Versuche, allerdings in der hier entscheidenden Hinsicht nicht so ausführlich). Dr.v.W.hielt das Zielobjekt "Schere" in der Hand. Als erstes gab die Perzipientin an, es müsse sich um einen Metallgegenstand handeln. Dann wurde der Versuch unterbrochen; Frau Tischner rief zum Abendessen. Nach dem Essen ging die Sitzung weiter, die Perzipientin wusste aber nicht, dass es sich um denselben Gegenstand handelte. Sie sagte (Tischner 1920, S.21; in Klammern wird auf meine Zeichnungen in Abb. 1-14 verwiesen):

"Kommt mir sehr groß vor - ich bin noch zu sehr mit meinen Gedanken beschäftigt. - Jetzt scheint es mir mehr ein kleiner, schmaler, kurzer Gegenstand. - So wie gedreht, korkenzieherartig, ähnlich wie ein Korkenzieher - Vielleicht ein Messer oder so etwas. - Es scheint mir sehr schwer zu erkennen. - Ich bin leider sehr zerstreut. Eindrücke vom heutigen Tag drängen sich auf. - Jetzt sehe ich z.B. ein Bild von Frau Tischner. - Ist es ein Geldstück?" (a)

Mit der Vermutung "Geldstück" beginnt offenbar eine ganz andere Wahrnehmung. Dr.v.W. verneint die Frage, ob es ein Geldstück sei, und nun beschreibt Frl.v.B. ihre Perzepte näher:

"Jetzt wird es rund und glänzend. - Es spiegelt immer so. Jetzt wird es wie ein Ring". (b) - "Es ist wieder aus Metall - wie Glas oder Metall, spiegelnd. - Rund und doch langgezogen" (c) - "Wie wenn es eine Schere wäre - unten sind zwei runde Dinger und dann zieht es sich in die Länge". (d) - "Es muss eine Schere sein" (und unmittelbar darauf mit Ausdruck der Gewissheit:) "Es ist eine Schere." (e). 

 

Abb. 1-14. Aktualgenese des ASW-Perzepts einer Schere in einem Versuch
von Tischner (1920) mit einer "Sensitiven"

Meine Zeichnungen könnten das Wahrgenommene darstellen; sie widersprechen nicht dem Beschriebenen. Aber auch mehr oder weniger abweichende Gestaltungen würden sich noch im Rahmen des Beschriebenen halten. Jede Kritik an dieser und den folgenden Zeichnungen, die ich auf Grund nur verbaler Beschreibungen angefertigt habe, sollte in den Appell einmünden, außersinnliche visuelle Wahrnehmungen stets von den Hellsehern und Perzipienten selbst zeichnerisch darstellen zu lassen. Nur dann weiß man, was sie wirklich gesehen haben. Natürlich entsprechen selbst deren eigenen Zeichnungen nicht unbedingt genau dem Gesehenen - man vergisst manches, man stellt aus zeichnerischem Ungeschickt manches nicht genau dar und unterliegt sowieso den "symmetrisierenden", "verregelmäßigenden" u.ä. Gestaltungstendenzen.

 

4. Schere: Grafische Darstellung durch "jedermann" (Kleine-Horst)

So schöne aktualgenetische Reihen wie die zuvor berichteten kommen vor allem bei sehr ASW-begabten "Sensitiven" vor oder aber unter "künstlicher" Eindämmung störenden Informationsflusses über Sinnesorgane und Gedächtnis wie im Falle der Hypnose. "Normale" Hellsehbegabte, also "Menschen wie du und ich", produzieren in der Regel nur einzelne Hellsehbilder, selten zwei oder gar drei, die als zeitlich aufeinander folgende Stufen einer aktualgenetischen Entwicklungsreihe imponieren.

In meinen eigenen ASW-Versuchen habe ich unausgewählten Personen, die ich über eine Anzeige in einem Szeneblatt für einen "kostenlosen Hellsehtest" angeworben hatte, eine (im vorliegenden Fall geschlossene) Schere in einem Kasten aus festem Karton vorgelegt. Die Aufgabe lautete sinngemäß:

"In diesem Karton befindet sich ein Gegenstand, den Sie mit Ihren Augen nicht sehen können. Erraten können Sie ihn auch nicht; lassen Sie das Raten also von vornherein bleiben. Aber Sie können den Gegenstand sehen, wenn Sie die Augen schließen. Entspannen Sie sich dabei, denken Sie an nichts, dann werden im Dunkel vor geschlossenen Augen helle Linien und Flächen entstehen. Zeichnen Sie das, was Sie sehen, mit geöffneten Augen in das Feld A des Ihnen vorliegenden Zeichenblatts ein, lassen Sie nichts fort, das Sie gesehen, und fügen Sie nichts hinzu, das Sie nicht gesehen haben. Strengen Sie sich nicht an, lassen Sie die Bildchen einfach kommen, die kommen von selbst. Nachdem Sie das erste Bildchen abgezeichnet haben, schließen Sie wieder die Augen und lassen das nächste Bildchen kommen. Es wird wahrscheinlich ganz anders aussehen als das erste. Zeichnen Sie auch dieses Bildchen genau ab, jetzt in Feld B. Undsoweiter - mit geschlossenen Augen sehen, mit offenen Augen in das nächste Feld einzeichnen - solange, bis ich den Versuch abbreche".

In einer meiner ASW-Sitzungen produzierte die Vp. "Z1" in den üblichen 6-8 Minuten Versuchsdauer die in Abb. 1-15 b-e gezeigte aktualgenetische Perzeptreihe der Schere (Abb. 1-15 a):

b : Die Vp blickte mit ihrem "Hellsehblick" offenbar auf einen der beiden Griffringe, sah aber die Ringform noch nicht, sondern nur eine kreisrunde "ausgefüllte" Flache. Sie zeichnete an zwei gegenüberliegenden Stellen der Fläche je einen Fortsatz. Einen von ihnen können wir als "objektadäquat" ansehen. Solche Vermehrung von Details und solche "objektinadäquate" Herstellung von Symmetrien (meist in Form "symmetrischer Verdoppelung") kommen in der ASW öfter vor.

 

Abb. 1-15. Aktualgenese des ASW-Perzepts einer Schere in einem Versuch des Verf.

c: dieses Perzept ist schon differenzierter, und zwar in Richtung auf adäquatere Abbildung des Objekts "Schere". Denn zum einen fällt der zweite, objektiv nicht vorhandene, Fortsatz weg, und der verbleibende ist zum anderen auch breiter, wie es den realen Verhältnissen bei der Schere entspricht. Ferner erscheint innerhalb der großen runden Figur eine kleine runde Figur, die wir im Vergleich mit den weiteren Zeichnungen als Beginn der Wahrnehmung des "Loches" im Scherengriff erkennen können. Allerdings ist das Loch im Vergleich zum Objekt zu klein (dieses Phänomen hatten wir schon in den Abb.1-8 b und 1-11 c kennen gelernt)..

d: Das "Loch" ist größer geworden - in Richtung auf Objektadäquatheit. Der verbleibende Rest erhält dadurch die Form eines Ringes. Auch ist deutlich, dass es sich um einen dreidimensionalen Ring handelt. Aber dieser dreidimensionalen Wahrnehmungs- und Zeichenweise ist keine große Bedeutung beizumessen; dreidimensionale Gebilde werden auch oft bei zweidimensionalen Objekten gesehen, genau wie in der SW.

e: Schließlich werden statt eines einzigen Ringes deren zwei wahrgenommen, die in einen Stab münden, was zur richtigen und subjektiv als "richtig" bewerteten Deutung "Schere" führte (und zur Weigerung der Vp., weitere Zeichnungen anzufertigen, weil sie ihrer Deutung völlig sicher war).

Man beachte; in den Aktualgenesen der Abb. 1-14 und 1-15 handelt es sich um eine "geschlossene" Schere, d.h. um eine Schere, zwischen deren Scherenblättern kein Spalt zu sehen ist. Die Schere der Abb.1-12 dagegen hat zu ganz anderen Bildern geführt, in denen die Überkreuzung der Scherenblätter deutlich zu sehen ist. In späteren Versuchen wurde den Vpn. stets eine "Offene Schere" vorgelegt, so dass in deren ASW-Perzepten eben dieses V-förmige bzw. X-förmige Auseinanderklaffen der Scherenblätter in Erscheinung tritt.

 

5. Ähnlichkeitsklassen der ASW-Perzepte
einer "Offenen Schere"

Abb.1-16 zeigt vier Ähnlichkeitsklassen, auf die typische Hellsehbilder einer "offenen Schere" verteilt worden sind. Je mehr Hellsehbilder zur Verfügung stehen, um so differenzierter können Ähnlichkeitsklassen definiert werden. Das "Scheren"-Material wurde noch nicht systematisch ausgewertet, dennoch schlage ich die Schere als Versuchsobjekt vor, weil sie Hellsehbilder erbringt, die sozusagen "mit bloßem Auge" von den Versuchsteilnehmern als "scherenähnlich" akzeptiert werden. Dadurch eignet sich die Schere auch gut als Objekt für die "Aufwärmphase", im übrigen sind die Versuchsteilnehmer ohnehin mehr motiviert, Gegenstände hellzusehen als zweidimensionale Figuren. Es gibt vier ergiebige Ahnlichkeitsklassen, d. h. Gruppen von Hellsehbildern, die (wahrscheinlich) als ASW-Indikatoren fungieren können (Abb. 1-16), nachdem sie sich als überzufällig erwiesen haben.

A. Die Schere selbst: voll einkonturig, voll doppelkonturig oder gemischt: Griffe ein(doppel)konturig und Blätter ein/doppelkonturig. Im Gegensatz zu den in verschlossenen Briefumschlägen vorgelegten Schwarz-Weiß-Mustern kommen bei der realen Schere häufiger solche "Volltreffer" vor.

B. Die Griffe der Schere sind nicht nur in der Sinneswahmehmung, sondern auch beim Hellsehen "Blickfang". Sie werden als Paare von Ellipsen (1) oder Kreisen (2), als Doppelschleife (3) oder symmetrische Einrollung (4) gesehen, die oft miteinander durch Querverbindungen (1,2) oder - objektadäquater und damit ASW-haltiger - durch Längsverbindungen (4,5) verbunden sind; in 3 gibt es sowohl eine Quer- als auch eine Längsverbindung.

 

Abb. 1-16. ASW-Perzepte einer Schere, verteilt auf vier Ähnlichkeitsklassen

C. Häufig wird nur ein einzelner Griff gesehen; es gelten nicht "reine" einkonturige oder doppelkonturige Ellipsen und Kreise, sondern nur solche, an denen sich noch ein ein- oder doppelkonturiger Fortsatz befindet.

D. Die Scherenblätter sind ein weiterer Blickfang und werden häufig als ein V-förmiges Gebilde gesehen (1,2,3), auch in Vermehrung (4,5). Besonders charakteristisch sind Gebilde, in denen sich die objektiv geraden Scherenblätter nach innen klammerartig verrunden (5,8), ansatzweise auch in 6. Auch gibt es messerartige Gebilde (7), die sich aus einem einzigen Scherenblatt herleiten. 

Aus: Lothar Kleine-Horst (2004): Der Anfang des nach-naturwissenschaftlichen Zeitalters.
Gedanken und Experimente jenseits der Lehrmeinungen. Köln: Enane. (Teil 1, Kapitel II)

Zu Kap. III: Formgleichheit von Sinnes- und Außersinnes-Wahrnehmung des gleichen Objekts.

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