Aktualgenesen und Aktuallysen: die ignorierten Fundamental-Phänomene des Sehens.

Einleitung

Die internationale Wahrnehmungswissenschaft vom Sehen versucht, visuelle Phänomene zu erklären, die sie gar nicht kennt, und die sie offenbar auch nicht kennen lernen will. "Irgendwie" wissen die Wissenschaftler zwar um sie, aber sie untersuchen sie nicht. Warum nicht? Weil sie von vornherein wissen, dass sie sie sowieso nicht erklären können. Dafür kennen sie aus ihrer ausgedehnten Experimentalforschung eine Menge anderer visueller Wahrnehmungsphänomene. Die allerdings sind von sekundärer Bedeutung; denn sie sind aus den fundamentalen Gesetzen des Sehens ableitbar, die wiederum nur auf Grund jener ignorierten fundamentalen Phänomene erschließbar sind. So werden zwar laufend  neue Theorien aufgestellt, die sich aber nach einiger Zeit als zur Erklärung visueller Phänomene ebenso untauglich erweisen wie die bisherigen. Denn alle diese Theorien beruhen auf falschen Grundannahmen über die Natur des visuellen Systems; die richtigen Grundannahmen kann man erst mit Kenntnis der Fundamental-Phänomene des Sehens finden.  

Es sind dies die Phänomene der Perzeptgenese und ihres Gegenprozesses, d.h. die Phänomene des aktuellen Entstehens ("Aktualgenese", "microgenesis") und des aktuellen Vergehens ("Aktuallyse") visuellen Wahrnehmungserlebens. Die "Aktualgenese" (und ihr Gegenprozess) ist bis heute unerforscht,  ja weitgehend unbekannt, zumindest in der Wahrnehmungswissenschaft, während sie früh schon in die Persönlichkeitsforschung Eingang gefunden hat (Kragh 1955).

Aktualgenesen und -lysen kann man mit verschiedenen Methoden erzeugen. In diesem Teil werden fünf von ihnen zusammen mit Beispielen aus ihrer Anwendung dargestellt. Ihre Erklärung finden sie in Teil 2 als entstanden durch stufenweise Aktualisierung bzw. De-Aktualisierung der in der "Empiristic theory of visual gestalt perception" (ETVG) (KH 1992a, 2001) beschriebenen und auf Grund eines in Vergessenheit geratenen Gedächtnisgesetzes abgeleiteten Hierarchie visueller Gestaltfaktoren.

Teil 1:

I. Aktualgenesen und Aktuallysen in der visuellen Sinnes-Wahrnehmung 

1. Aktualgenese mit einer apparativen reizverstärkenden Methode

Die "Aktualgenese" von Sinnesperzepten war eine der bedeutsamsten Entdeckungen der Ganzheitspsychologie. Mit jenem Ausdruck wurde die aktuelle Entwicklung z.B. eines Wahrnehmungserlebnisses verstanden im Unterschied zur stammesgeschichtlichen Entwicklung (Phylogenese) und zur individuellen Entwicklung (Ontogenese) der Wahrnehmung. Es war der Sanderschüler E. Wohlfahrt (1925/1932), der seine Entdeckung beschrieb, dass sich das visuelle Sinnesperzept bei kontinuierlicher Reizverstärkung stufenweise entwickelt, angefangen von ganzheitlich-diffusen Anfangsgestaltungen über eine Reihe immer differenzierter werdender "Vorgestalten" bis hin zur volldifferenzierten "Endgestalt". Normalerweise - d.h. unter den günstigen Sehbedingungen der Alltagswahrnehmung - stellt sich diese "Endgestalt" beim Augenaufschlag blitzartig ein, und wir merken nichts von einer stufenartigen Entwicklung und von irgendwelchen Zwischenstufen; alles läuft "vorbewusst" ab.

Wohlfahrt erfand nun ein Verfahren, mit dem man die Zwischen-Stadien sichtbar, also bewusst, machen kann. Er stellte extrem ungünstige Sehbedingungen her, indem er seinen Versuchspersonen bestimmte leuchtende Strichmuster in dunklem Raum darbot, aber zunächst in so kleinem Maßstab, dass die Vpn oft zunächst höchstens einen "hellen Nebel" oder etwas ähnlich Diffuses sehen konnten. Bot der Versuchsleiter die Vorlagen in etwas größerem Maßstab dar, war schon mehr wahrzunehmen, aber immer noch nicht alles, sondern meistens zunächst nur ein grober Umriss, etwa in Form einer kreisartigen Scheibe. Bei jeder weiteren Vergrößerung des Musters wurden mehr Details wahrgenommen, bis es schließlich so volldifferenziert zu sehen war wie "normalerweise", d.h. wenn man einen Gegenstand bei vollem Tageslicht aus der Nähe betrachtet.

Abb.1-1 zeigt eine solche aktualgenetische Vorgestaltenreihe. Den Vpn wurde die Figur 9 dargeboten. Einige der hier abgebildeten Vorgestalten stammen von einer einzigen Versuchsperson Wohlfahrts, und zwar die Vorgestalten 3, 4 und 5b in Form von Strichzeichnungen sowie die Vorgestalten 6b, 7 und 8. Die Figuren 1, 2, 5a und 6a sowie die Feldausfüllung der Figuren 3, 4 und 5b habe ich hinzugezeichnet, und zwar auf Grund der von Wohlfahrt berichteten allgemeinen Erfahrungen mit der Entwicklung von Vorgestalten unter den von ihm geschaffenen Wahrnehmungsbedingungen. Es handelt sich insofern um eine "idealtypisch" erweiterte empirische Figurenreihe, die bei Vorlage ein und desselben Reizmusters (Nr.9) eine von mehreren möglichen Aktualgenesen des Perzepts zeigt. Da Wohlfahrt seiner Vp. eine helle Zielfigur auf dunklem Grund dargeboten hat, die von seiner Vp. schwarz auf weiß gezeichnet wurde, muss man die Helligkeitswerte "umpolen": was hier dunkel gezeichnet ist, erschien den Vpn also hell und umgekehrt. Eine nähere Besprechung der Reihe erfolgt in Teil 2 dieses Buches, eine genaue Analyse in Teil 6 der ETVG (KH 2001).

 

Abb. 1-1. Neunphasige Aktualgenese eines Reizmusters auf Grund optischer Reizvergrößerung (adaptiert nach Wohlfahrt, 1925/1932) 

Mit Hilfe anderer Methoden erzeugte Aktualgenesen wurden von den Sanderschülern Butzmann (1940) und Mörschner (1940) beschrieben.

 

2. Aktuallyse durch Aufmerksamkeitsabwendung

Nicht nur Entstehung und Differenzierung einer Figur erfolgen stufenweise, sondern auch ihr Vergehen und ihre Entdifferenzierung, wie die Stadien in Abb. 1-2 der maltheserkreuzähnlichen Figur zeigen. Produziert wurde diese Reihe, indem ich ganz starr den Mittelpunkt des Reizmusters a fixierte. In dem Maße, in dem die Aufmerksamkeit auf diesen Punkt konzentriert wurde, wurde sie von den peripheren Teilen des Musters abgezogen. Dadurch konnten diese sich entdifferenzieren. Zunächst fiel die quadratische Umrisslinie aus oder war nur ganz schwach zu sehen (b). Dann sah ich zwei hintereinander liegende Kreuze (c), und danach vier hintereinander liegende Linien (d), wobei diese in ihrer Reihenfolge wechselten; mal war die ein Linie die vordere, dann eine andere. Im Stadium 4 wurden die Enden der Linien zu Wellenlinien (e). Im Stadium 5 wurden die Linien kürzer und verloren an Kontrast, d.h. sie erschienen nicht mehr schwarz, sondern grau. Es gab noch ein 6. Stadium, in dem ich für den Bruchteil einer Sekunde buchstäblich gar nichts mehr sah, d.h. nicht etwa nur formlose Helligkeit oder Dunkelheit, sondern gar nichts; das visuelle System hatte zu funktionieren ausgesetzt.  Im ETVG-Buch (S. 6-57 bis 6-63) wurden diese Stadien genauer beschrieben und als De-Aktualisierung der Gestaltfaktoren-Hierarchie erklärt.

Abb. 1-2. Aktuallyse eines Reizmusters durch Aufmerksamkeits-Abwendung
 (nach  ETVG, Fig. 6-7 bis 6-13)

Die Wohlfahrt-Reihe (Abb.1-1) zeigt insgesamt eine fortlaufende stufenweise Differenzierung des Musters, allerdings gibt es peripher immer dann eine Entdifferenzierung, wenn zentral eine Binnenkontur, also "was Neues", auftritt, das die Aufmerksamkeit des Beobachters auf sich zieht. In Abb.1-2 ist dagegen eine permanente Entdifferenzierung zu beobachten. Hier wie dort wurde durch Aufmerksamkeitsverminderung eine Entdifferenzierung erreicht. Dass umgekehrt mit Steigerung der Aufmerksamkeit eine Differenzierung eintritt, weiß jeder aus seiner Alltagserfahrung: um etwas "genauer sehen" zu können, schaut man besonders aufmerksam "dorthin". Ebenso ist durch Verminderung der Reizstärke eine phänomenale Entdifferenzierung zu  erreichen. Auch das weiß jeder: je dunkler es abends wird, um so schwieriger wird es, ein Buch weiter zu lesen, also "schaltet man das Licht an", wodurch die Buchseite wieder stärker beleuchtet wird.

3. Die Nachbild-Methode

Eine dritte Methode, Aktualgenesen und -lysen zu erzeugen, ist besonders einfach und von jedermann leicht anzuwenden. Nachbilder sind anschaulich gegebene Nachwirkungen einer vorhergegangenen sinnlichen Wahrnehmung eines Objekts (hier "Original" oder "Vorlageobjekt" genannt). Meistens sieht man "Figur" und "Umfeld" des Nachbilds in Helligkeiten bzw. Farben, die zu denen des Originals komplementär sind (z.B. dunkel/hell, grün/rot, blau/gelb), dann bezeichnet man es als "Negatives Nachbild". "Positive Nachbilder" entstehen z. B. durch längeres Blicken in eine Kerzenflamme oder durch einen auch nur kurzen Blick in die Sonne, wodurch helle Muster auf dunklem Umfeld gesehen werden. Positive und negative Nachbilder sind seit den alten Griechen bekannt. Untersucht wurden anfangs vor allem Veränderungen von Helligkeit bzw. Farbe des Nachbildes gegenüber dem Original. Erst spät gab es Hinweise auf gestaltliche Änderungen, so von Rothschild (1923), die aber kaum beachtet wurden und nur schleppend hier und da in LIteraturverzeichnissen Eingang fanden, jedenfalls nicht zu irgendwelchen Forschungen angeregt haben.

Die Abb 1-3 bis 1-7 zeigen gestaltliche Veränderungen von Negativen Nachbildern (NN), die sich kürzlich bei Forschungsexperimenten des Verf. mit einer einzigen "naiven" Versuchsperson CH ergeben haben. Das Vorlageobjekt bestand jeweils aus einem Blatt weißen Papiers, das ein schwarzes Muster enthielt. Die mit einem kleinen Kreuz gekennzeichnete Stelle des Verlageobjekts war 10-15 Sekunden lang starr mit den Augen zu fixieren, danach wurde das Objekt rasch entfernt, und die Vp hatte nun das kleine Kreuz zu fixieren, das sich direkt unter der Fixationsstelle des Objekts angebracht war, so dass keine Augenbewegungen nötig waren, um nunmehr dieses Kreuz zu fixieren. Sofort bildete sich ein NN des vorigen Sinnesobjekts aus, also dasselbe Muster oder ein Teil von ihm, jetzt als helles Muster auf dunklem Grund. In den Zeichnungen mit schwarzem Kugelschreiber (oder/und Bleistift) sind die Helligkeitswerte wieder umgekehrt. Sinnvoller wäre es gewesen, ein weißes Vorlagemuster auf dunklem Grund zu verwenden.

Abb. 1-3. Negative Nachbilder zweier sich kreuzender Parallelen

Wenn ich die Versuche (noch) nicht mit besserer Methode wiederholt habe, so deswegen, weil diese Vp. im Vergleich zu anderen Vpn (Verf. eingeschlossen) eine bisher nicht erlebte Fähigkeit hatte, nicht nur Grauwerte unterschiedlicher Graustufen zu erkennen (Abb. 1-3) sondern auch weitere Details, die sich in spätesten Stadien der Musterauflösung einstellten, wie Wellenförmigkeit  (Abb. 1-3g) oder gar Strichelung (Abb. 1-3h) der Konturen. Doch auch bei Optimierung der Darbietungsmethode bleibt das Problem des Aufzeichnens der Grautöne. Zum einen wechseln die NN sehr rasch einander ab, so dass wenig Zeit zum genauen Beobachten bleibt. Zum anderen neigt der Beobachter dazu, mit seinem schwarzen Stift diejenigen Teile, die als "Figur" (und nicht als "Umfeld") in Erscheinung treten, schwarz zu zeichnen und auszufüllen, die gemäß der bisherigen Zeichenmethode eigentlich weiß bleiben sollten. Ohnehin müsste eine bessere Methode ausgedacht werden, um den Wechsel von Vorlage und Projektionsfläche völlig störungsfrei zu vollziehen.

In den Abbildungen der NN geben die Pfeile an, in welcher Abfolge sich mehrere NN auf Grund derselben Fixation des Vorlagemusters eingestellt haben. Weitere negative Nachbilder werden in Kap. III gezeigt.

Abb. 1-4. Negative Nachbilder des "Union-Jack"-Musters

Abb. 1-5. NN mit Verkleinerung verselbständigter Binnenfiguren

Abb. 1-6. NN mit Alternierungen, Verselbständigung und Verkleinerung von Binnenfiguren sowie welliger Auflösung gerader Konturen

Abb. 1-7. Unterschiedliche Nachbild-Perzepte des Buchstabens "A"

In diesem Teil 1 sollen Aktualgenesen und -lysen im übrigen erst einmal vorgestellt werden; eine Erklärung ihrer Gestaltungen zu geben ist erst nach Beschreibung der zugehörigen Theorie in Teil 2 möglich.

Aus: Lothar Kleine-Horst (2004): Der Anfang des nach-naturwissenschaftlichen Zeitalters.
Gedanken und Experimente jenseits der Lehrmeinungen. Köln: Enane. (Teil 1, Kapitel I.)

Zu Kap. II: Aktualgenesen in der visuellen Außersinnes-Wahrnehmung (ASW)

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