III. Die vierfache phänomenale Wirkung der Gestaltfaktoren
1. Das System der phänomenalen Wirkungen
Eine (phänomenale) Gestaltqualität (in polarer Ausprägung) ist das Korrelat eines (funktionalen) Gestaltfaktors (bei seiner antagonistischen Aktualisierung). In uneigentlicher Sprache kann man von der "Erlebenswirkung" eines Gestaltfaktors sprechen, uneigentlich insofern, als es keinen verständlichen und damit auch keinen Ursache- Wirkung- Zusammenhang zwischen Gegebenheiten zweier wesensverschiedener Seinsbereiche gibt. Bleibt man sich dieser erkenntnistheoretischen Schwierigkeiten bewusst, ist der Ausdruck "Wirkung" unschädlich.
Bei jedem Gestaltfaktor lässt sich eine vierfache phänomenale Wirkung feststellen, vier verschiedene Weisen, sich im Erleben auszudrücken. Diese vierfache phänomenale Wirkung ist für einen Gestaltfaktor so charakteristisch, dass man sie als Kriterium für das Auffinden eines Gestaltfaktors nutzen kann. Wenn man glaubt, einen Gestaltfaktor gefunden zu haben, und dieser zeigt nicht jene vierfache phänomenale Wirkung, so ist es keiner.
Die phänomenalen Wirkungen lassen sich in folgendem "System" unterbringen:
Abb. 2 - 11: "System" der phänomenalen Wirkungen eines Gestaltfaktors
2. Die qualitativ-informative Wirkung
Sie besteht in der Information des Wahmehmenden über einen bestimmten Aspekt der Umwelt. Dieser Umweltaspekt tut sich als eine bestimmte Erlebensqualität (Gestaltqualität) kund. Insofern betätigt sich der Gestaltfaktor als eine Art "Merkmalsdetektor". Wenn man weiß, wie die qualitativ-informative Wirkung eines Gestaltfaktors zustandekommt, dann weiß man auch, dass die Bezeichnung "Merkmal" nicht wirklich das bezeichnet, das "detektiert" wird. Detektiert wird zwar etwas, das "irgendwie" mit der Umwelt zu tun hat, weil es durch Umweltwirkung auf unseren Organismus zu unserer Kenntnis gelangt. Aber das Detektierte ist nicht eigentlich eine Eigenschaft, ein Bestandteil, der Umwelt, nichts "Objektives", der Materie Anhaftendes, das, so wie es ist, wahrnehmbar und merkbar, d.h. einprägbar, wäre. Detektiert wird vielmehr eine Beziehung zwischen bereits Wahrgenommenem, wobei auch das Wahrgenommene nur ein System von Beziehungen und Beziehungsbeziehungen repräsentiert.
Der Ausdruck "Merkmal" ist dennoch insofern treffend, als ja tatsächlich ein "Merken" im Sinne von Lernen im Spiel ist. Allerdings sind nicht nur die be-merkten "Merkmale" auch merk-bar; das Bemerken selbst (i.S. von Wahrnehmen, Detektieren) ist ein Gedächtnisvorgang, aber nicht im Sinne von Einprägung, sondern im Sinne von Ausprägung des Eingeprägten; denn um etwas zu be-merken, muss ich es mir vorher (in den vorliegenden Fällen un-be-merkt) schon ge-merkt haben. Eingepragt wird hier nicht Erlebtes, sondern Nicht-Erlebtes, und erst nach dem unbemerkten Einprägen wird das Gemerkte ausgeprägt und es bemerkt dabei doch nur - sich selbst.
In den bisherigen Ausführungen zu den Gestaltfaktoren P bis R ging es vorwiegend um deren qualitativ- informative Wirkung.
3. Die quantitativ-informative Wirkung
Während die gerade überschwellige Aktualisierung des Gestaltfaktors bereits dessen qualitativ-informative Wirkung auslöst und dessen spezifische Gestaltqualität ins Perzept einführt, stellt die mit der Stärke der Aktualisierung korrelierende Intensität der Gestaltqualität die quantitativ-informative Wirkung des Gestaltfaktors dar. Auch sie macht eine Aussage über die Umwelt, und zwar über den quantitativen Aspekt des qualitativen Aspekts.
Die an die Gestaltfaktoren "von unten", nämlich von ihren körperlichen Grundlagen her, herangehenden wahrnehmungswissenschaftlichen Untersuchungen der Vergangenheit und Gegenwart erfassen gerade eben die untersten Gestaltfaktoren, z. B. P, Dm und Dl. An Inhomogenität/Homogenität, an Linie/Feld, an Figur/Umfeld karnen sie um so weniger heran, je höheren Hierarchiestufen diese Faktoren angehören, d.h. je weiter weg von den Körperfaktoren sie sich befinden.
Überdies wird der rein quantitative Aspekt untersucht, z.T. die "absolute Helligkeitsschwelle" (d.i. die Aktualisierungsschwelle des Gestaltfaktors P) oder die "relative Helligkeitsschwelle" (d.i. die Aktualisierungsschwelle des Gestaltfaktors Dm). Die Idee einer hierarchischen Beziehung zwischen beiden Schwellen kommt wohl kaum einem traditionellen Wahrnehmungswissenschaftler. Erst weit "oben" im Gebiet komplexer Figuren misst man auch "Figurschwellen". Einziges Bezugssystem für alle diese Untersuchungen ist das Sinnesreizmuster. Eine Hierarchie von Bezugsystemen wird zwar auf anderen Gebieten und für noch höherstufigen Regionen auch der visuellen Wahrnehmung diskutiert, nicht aber für die niedrigstufigen Regionen, denn diese kennt man gar nicht.
4. Die formative Wirkung
Die informative Wirkung eines Gestaltfaktors - sowohl die qualitative als auch die quantitative - zielt darauf ab, das Objekt "reizadäquat" wahrzunehmen. Dass auch der Ausdruck "reizadäquat" schief ist, liegt nach dem bisher Gesagten auf der Hand, wenn man unter "Reiz" ausschließlich den Sinnesreiz versteht, und das tut man bis auf den heutigen Tag ja. Ergänzt man den materiologischen "Sinnesreiz"-Begriff durch den funktionologischen "Gestaltreiz"-Begriff, so bekommt der Ausdruck "reizadäquat" einen weiteren Sinn, der den von der ETVG angenommenen Beziehungs-Tatsachen schon eher gerecht wird; denn die Gestaltreize führen laut Theorie zur Wahrnehmung ihrer selbst. Das gilt zumindest im Bereiche der Figur/Umfeld-Wahmehmung, nicht in gleichem Sinne für die Orientierungs- und Formwahrnehmung.
Die formative Wirkung eines Gestaltfaktors zielt auf etwas ganz anderes ab: nämlich nicht darauf, über die Umwelt realistisch zu informieren, sondern darauf, das Bild von ihr so zu verändern, zu formen, umzuformen, ja, zu verzerren und zu verbiegen, dass die Welt in stärkerem Maße im Sinne der Gestaltqualitäten gesehen wird, als dies bei alleiniger informativer Wirkung der gestaltreizbedingten Aktualisierung der Gestaltfaktoren möglich wäre.
So wird z.B. ein funktionaler Helligkeitsunterschied (Gestaltreiz Dm ) einmal als ein Helligkeitsunterschied überhaupt detektiert (qualitativ-informative Wirkung), und zwar mit einer bestimmten Intensität (quantitativ-informative Wirkung). Doch kann ein Helligkeitsunterschied als größer oder als kleiner erlebt werden, als er (gemäß Leuchtdichteverhältnis) wirklich "ist". Dies geschieht auf Grund der formativen Wirkung des Gestaltfaktors Dm.
Die zu größerer Reizinadäquatheit führende formative Wirkung eines Gestaltfaktors ist es, die die Wahmehmungsforscher bis auf den heutigen Tag zu empirischen Untersuchungen gereizt haben: man blicke nur einmal auf die ungeheure Literatur über die so genannten "geornetrisch-optischen Täuschungen". Diese "Täuschungen" sind nichts anderes als die formativen Wrkungen derselben Gestaltfaktoren, von denen wir durchaus auch "reizadäquat" informiert werden. Das Umgekehrte trifft ebenso zu: dieselben Faktoren, mit deren Hilfe wir uns in der Umwelt einigermaßen gut orientieren können, sind es auch, die uns dauernd über die Umwelt täuschen. Keine Erlebenswirkung ist von der anderen real zu trennen. Die geometrisch-optischen (und andere) Täuschungen sind keine Sonderphänomene, sondern gehören mit zum täglich Brot unserer Alltagswahrnehmungen. Nur werden sie im Alltagsleben meist nicht bemerkt, weil wir keinen Vergleichsmaßstab haben. Der wird allerdings in den Fällen jener in Laboratorien erzeugten "Täuschungen" gleich mitgeliefert, so lassen sie sich überhaupt als "Täuschungen" erkennen, d.h. als Abweichungen von der "Reizadäquatheit".
Besonders beliebt sind "Täuschungen", bei denen der Täuschungsbetrag aus der Addition der formativen Wirkung mehrerer Gestaltfaktoren resultiert. Da die Forscher schon bei einfachen Täuschungen den die Täuschung verursachenden Faktor nicht ausfindig machen können, so erst recht nicht, wenn mehrere Faktoren beteiligt sind. Solche Figuren reizen zu besonders großer Forschungsanstrengung, zu ihnen gehört die berühmt-berüchtigte "Müller-Lyer-Figur"; bei ihr sind es mindestens zwei stark wirkende Faktoren, die zur Täuschung im gleichen Sinne beitragen. Besonders viel zu forschen gibt es, wenn ungleichsinnig wirkende Faktoren beteiligt sind, deren Beitrag zur Täuschung man noch weniger herausfindet.
Es würde an dieser Stelle zu weit führen, Beispiele für die formative Wirkung der bisher beschriebenen Gestaltfaktoren zu bringen. Es wird auf die bekannten Beispiele aus dem Bereich der Formfaktoren verwiesen (KH 1992a, 2001), aber auch auf die Beispiele aus der Unzahl von "Gestaltgesetzen" der Figur/Umfeld- Wahrnehmung (KH 2001); diese Gestaltgesetze sind Ausdruck von Wechselbeziehungen (gegenseitige formative Beeinflussung) der 17 visuellen Gestaltfaktoren der untersten fünf Hierarchiestufen.
5. Die normative Wirkung
Während die formative Wirkung eines Gestaltfaktors eine Veränderung des Perzeptes in Richtung auf stärkere Ausprägung der spezifischen Gestaltqualität darstellt, besteht die normative Wirkung eines Gestaltfaktors in der Bildung eines Bezugsystems. Der Faktor wirkt dann als Norm, als "Soll-Vorschrift". Man erlebt: "so soll es aussehen", alles soll "prägnant" sein, z.B. "schön kontrastreich", und das heißt nichts anderes als Dm-intensiv. Auch soll alles räumlich gut voneinander getrennt sein (großes Dl), und die Trennung homogener (Gml-) Felder (Ll-) durch scharfe (Gml+) Konturen (Ll+) wird gewünscht, und die Felder und Konturen sollen geschlossen (Fl+) sein und sich von "allem anderen" (Fl-) abheben.
Was diesen Normen in hohem Grade entspricht, wird als "gut", als "schön", als "akkurat" und "in Ordnung so" erlebt. Was der Norm nicht entspricht, wird mit Missbehagen als "schlecht", "hässlich", "uneindeutig" (unprägnant) usw. erlebt. Es handelt sich hier also um gefühlsmäßige Beurteilungen der Gestaltungen in Bezug auf die Verwirklichung der von den Gestaltfaktoren gleichsam "vorgeschriebenen" Gestaltungen. Insofern stellt sich der Gestaltfaktor auch als Bezugsystem dar.
Besser als die normative Wirkung der Figurfaktoren ist die der Formfaktoren bekannt, weshalb hier wenigstens ein einziges Beispiel gebracht sei. So ist das Quadrat (Abb. 2-12a) eine hoch-prägnante Figur; denn sie erfüllt die "Forderungen" nicht nur der Figurfaktoren, wie soeben beschrieben, sondern auch die der Formfaktoren "Vertikalität" (V) und "Horizontalität" (H), "Geradheit" (S) der Konturen, "Gleichheit" der Längen (M) "Rechtwinkligkeit" (R+) und "Parallelität" (R-) der Konturorientierungen. Abb. 2-12b dagegen ist schon etwas weniger prägnant: die "geometrisch" identische Figur erfüllt nicht die Forderungen nach "Vertikalität" und "Horizontalität" ihrer Konturen. Muster b zeigt zwar nur zwei Abweichungen gegenüber Muster a, dennoch wirken diese so stark, dass man b als eine "ganz andere Figur" denn a erlebt. Warum? Weil die unterschiedenden Faktoren bzw. Qualitäten auf der 7. Stufe angesiedelt sind, die anderen unterscheidenden Faktoren/Qualitäten aber erst auf der 8, 9. und 10. Je tiefer aber in der Hierarchie ein Faktor sitzt, um so stärker wirkt er.

Abb. 2-12. Das Quadrat als hochprägnante Figur
Die gesamte visuelle Gestaltwahrnehmung im Sinne der Definition der ETVG ist auf die Wirkung einer Handvoll Gestaltfaktoren und ihrer körperlichen Grundlagen sowie der Aufmerksamkeitszuwendung zurückzuführen. Nimmt man die soeben beschriebenen Erlebenswirkungen als durch je denselben Gestaltfaktor verursacht an, so wird eine Brücke zwischen z.T. sehr unterschiedlichen Forschungsrichtungen innerhalb der Wahrnehmungs- wissenschaft geschlagen:
Die Psychophysik behandelt den quantitativ-informativen Aspekt der Gestaltqualitäten. Die "Ganzheitspsychologen" der "Leipziger Schule" hoben vor allem die formative Wirkung der Gestaltfaktoren hervor, die sie als "Gestalt(ungs)tendenzen" bezeichneten. Die alten "Gestaltpsychologen" der "Berlin/Frankfurter Schule" schließlich betonten die normative Erlebenswirkung, was in einem ihrer zentralen Wörter, dem der "Prägnanz", zum Ausdruck kommt. ("Prägnanz" ist kein Begriff, kann es auch nicht sein; denn es ist nur ein Wort, das ein bestimmtes Erlebnis bezeichnet, das als solches nicht definierbar ist). Die gegenwärtige Wahrnehmungspsychologie, die in erster Linie die Phänomenologie des Wahrnehmungserlebens (und somit den qualitativ-informativen Aspekt der Gestaltfaktoren- Wirkung) untersuchen sollte, entleert sich sowohl in in ihren geistigen Überbau, die Kognitionspsychologie, als auch in ihren biologischen Unterbau, die Neurophysiologie. Deren Ergebnisse - da sie die dem Erleben unterliegenden Funktionen beschreiben - entsprechen am ehesten den Voraussagen der ETVG. Solange die Neurophysiologen/ -biologen allerdings die von der traditionellen Wahrnehmungspsychologie berichteten irrelevanten Wahrnehmungsfakten zu erklären sich vornehmen, werden sie im Verständnis der Wahrnehmung weiterhin erfolglos bleiben. Erst wenn sie sich die hier in Teil 1 vorgestellten visuellen Fundamentalphänomene zu erklären zum Ziel vornehmen, wird ihr Verständnis steigen und werden sich ihre Forschungs-Kleinziele einem vernünftigen Großziel anpassen.
Aus: Lothar Kleine-Horst (2004):
Der Anfang des nach-naturwissenschaftlichen Zeitalters.
Gedanken und Experimente
jenseits der Lehrmeinungen. Köln: Enane. (Teil 2, Kapitel lII)
Zu Kap. IV: Theorie der Aktualgenese und Aktuallyse visueller Perzepte